[Rezension] In einem Boot – Charlotte Rogan

Titel: In einem Boot
Autor: Charlotte Rogan
Original: The Lifeboat
Verlag: Script5
Erschienen am: 16.09.2013
ISBN: 978-3839001509
Preis HC: 18,95€
Leseprobe











Autor

Charlotte Rogan arbeitete als Architektin, ehe sie anfing zu schreiben. Viele Sommerurlaube im Kreis einer Familie voller passionierter Segler inspirierten sie zu In einem Boot, ihrem ersten Roman. Nachdem sie mit ihrer Familie lange Zeit in Dallas gelebt hat, zog es sie wieder ans Meer. Heute wohnt sie mit ihrem Mann in Westport, Connecticut.

Inhalt

Grace ist frisch verheiratet mit Henry Winter, einem jungen Mann aus reichen Hause, als sie sich am Vorabend des ersten Weltkriegs auf der Zarin Alexandra einschifft. Doch nach einer mysteriösen Explosion sinkt der Ozeandampfer und Henry erkauft seiner Frau einen Platz in einem Rettungsboot.
Den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, treibt das überladene Boot wochenlang auf offener See. In einer Atmosphäre aus Misstrauen und unterdrückter Aggression stellen sich existenzielle Fragen: Sollen die Stärkeren sich opfer, damit die Schwächeren überleben können? Oder besser umgekehrt? Wer darf das entscheiden? Und sitzt Grace überhaupt zu Recht in diesem Boot.
Grace überlebt die Katastrophe, findet sich aber Wochen später vor einem Gericht in New York wieder. Die Anklage lautet auf Mord.

Erster Satz

Die Anwälte waren schockiert über mein Benehmen.

Meine Meinung

Selbst nachdem ich einige mittelmäßige Bloggerstimmen gelesen hatte, konnte ich die Neugierde auf dieses Buch nicht unterdrücken und habe dann schnell zugegriffen, als ich die Möglichkeit hatte. Und für mich hat es sich durchaus gelohnt.

In einem Boot hat mich wirklich beeindruckt. Ich kann es nicht anders ausdrücken, denn es ist ein Buch, das mich nicht nur während dem Lesen gefesselt hat, sondern das mich auch im Nachhinein einfach nicht losgelassen hat – ich musste immer über diese Situation nachdenken. Das lag auch daran, dass ich mich beim Lesen so fühlte, als wäre ich mittendrin auf diesem kleinen engen Boot. Praktisch bei jeder Seite, bei jeder Interaktion der Protagonisten fragte ich mich: Wie würdest du in dieser Situation reagieren? Was würdest du machen? Könntest du überhaupt anders handeln? – Das ist die absolute Stärke dieses Buches. Durch diese Ungewissheit, wie man selbst handeln würde, wird die ganze Situation einfach noch beängstigender, man fühlt sich beklemmt und zugleich begierig darauf zu wissen, wie es weiter geht. Ich konnte das Buch kaum zur Seite legen.
Wirklich alle Abgründe der menschlichen Seelen werden in dieser mehr als nur extremen Grenzsituation hervorgearbeitet und das ist es, was In einem Boot so bedrückend und eindrucksvoll zugleich gestaltet. Es ist kein Actionbuch, es gibt nur einen richtigen Schauplatz, es gibt nicht viel Handlung, dafür wird die menschliche Psyche umso intensiver dargestellt. Salopp gesagt: Das ist einfach verdammt gut gelungen!
Und das Gute ist: Für so ein Psychogramm müssen die Protagonisten nicht sympathisch sein, denn das sind sie hier auch nicht. Aber dafür passt ihre Darstellung umso besser zum Kontext, denn wer zeigt schon in einer solchen Extremsituation seine besten charakterlichen Eigenschaften? Ich bin mir sicher, ich wäre jedenfalls keine Gentlewoman, wenn ich in so einem Boot in so einer Situation sitzen würde. Es sind auch nicht alle Charaktere so präsent, obwohl das Boot voll bis zum Anschlag ist. Doch a.) wäre das zuviel geworden und b.) bei der Masse unmöglich, aber c.) war das auch nicht unbedingt notwendig. Hier reichen die Figuren, die im Fokus der Ich-Erzählerin Grace stehen, vollkommen. Bei einigen Figuren, wie beispielsweise den italienischen ‚Klageweibern‘ oder der zurückhaltenden Mutter, die ihren Sohn schützt, hätte dies auch die Geschichte gestört.
Grace ist die Ich-Erzählerin der Geschichte und somit kriegt man auch bei ihren einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben, was sie jedoch nicht unbedingt sympathisch macht. Dennoch ist der Autorin – zumindest für mich – gelungen, diesen schmalen Grad zwischen Antipathie und Verständnis für das Handeln gekonnt entlang zu balancieren. Ich konnte ihr Handeln verstehen, denn für mich war es angesichts dieser Situation und ihrer Vergangenheit logisch.

Der Rahmen in Form des Gefängnis und der Anklage ist zwar interessant, wirkt aber etwas gestaucht, eingeengt und konstruiert. Er hätte ruhig ein bisschen flüssiger und natürlich gestaltet sein dürfen, dennoch wurde die Tagebuchform dadurch perfekt integriert.
Auch die Sprache, die der Zeit entspricht, hat mir gut gefallen. Ich lese diesen Stil recht gerne und Charlotte Rogan ist dies gut gelungen.

Fasziniert hat mich jedoch nicht nur diese Situation, sondern auch die Tatsache, dass ich eigentlich wusste, wie das Buch endet und dennoch unbedingt wissen musste, was auf dem Boot geschieht. Ich war von dem Buch vollkommen in den Bann gezogen.

Fazit

Ein Buch, das ganz meinem Geschmack entspricht: Ich war vollkommen gebannt von dieser wunderbaren Darstellung von Figuren, die in Angesicht einer extremen Situation auch am Rande der Menschlichkeit stehen. Absolut lesenswert – natürlich nur, wenn man allgemein Geschichten mag, die sich in diese Richtung bewegen.

Bewertung


Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

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6 thoughts on “[Rezension] In einem Boot – Charlotte Rogan

  1. Hi Chimiko,

    ich bin echt total happy, dass dir das Buch gefallen hat. Nach den vielen kritischen Rezensionen bin ich echt total gespannt auf das Buch und was du dazu schreibst, sagt mir wirklich sehr zu. Es ist beschlossene Sache, das Buch zieht demnächst bei mir ein!

    LG
    Anja

    1. Hey 🙂

      Ich muss sagen, ich wollte das Buch trotz der kritischen Reaktionen unbedingt lesen, weil es einfach nach etwas klang, was mir gefallen könnte und ich da auch oft nicht mit der allgemeinen Meinung konform gehe. Und letztlich trifft es genau meinen Geschmack…
      Dann hoffe ich mal, dass es dir so gut gefällt wie mir ♥

      Alles Liebe, Chimiko

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