[Rezension] Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells


Titel: Vom Ende der Einsamkeit
Autor: Benedict Wells
Verlag: Diogenes
Erschienen: Februar 2016
ISBN: 798-3-257-86285-0
Preis: 22,-
Leseprobe
 
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Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im
Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische
Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er
sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen
Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes
Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen
Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter
Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach
Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin.





Jules und seine Geschwister Marty und Liz sind grundverschieden, doch ein tragisches Ereignis prägt alle drei: Behütet aufgewachsen, haben sie als Kinder ihre Eltern durch einen Unfall verloren. Obwohl sie auf dasselbe Internat kommen, geht jeder seinen eigenen Weg, sie werden sich fremd und verlieren einander aus den Augen. Vor allem der einst so selbstbewusste Jules zieht sich immer mehr in seine Traumwelten zurück. Nur mit der geheimnisvollen Alva schließt er Freundschaft, doch erst Jahre später wird er begreifen, was sie ihm bedeutet – und was sie ihm immer verschwiegen hat. Als Erwachsener begegnet er Alva wieder. Es sieht so aus, als könnten sie die verlorene Zeit zurückgewinnen, doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein.

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.



Einsamkeit ist ein Thema, das wir immer und immer wieder in Büchern lesen werden und Einsamkeit ist ein Gefühl, das doch schon jeder von uns erfahren hat. Aber selten wurde Einsamkeit so schlicht und ergreifend geschrieben wie in diesem Buch.
Jules und seine zwei Geschwister haben schon früh ihre Eltern durch einen Autounfall verloren und wuchsen in einem Internat auf. Es sind drei völlig unterschiedliche Charaktere, die auch so auf diesen Verlust reagieren. Liz und Marty, die beiden älteren, lernen wir nur durch den Ich-Erzähler Jules kennen. Und schon dessen erster Satz hat mich berührt.
Dieses Buch spult einen ziemlich langen Zeitraum ab, beginnt jedoch in der Gegenwart, nach einem Unfall, der Jules fast den Tod gebracht hätte. Dann aber nimmt er uns mit und erzählt Szenen aus seinem Leben, beginnend schon in der Zeit als seine Eltern noch leben. Danach führt Jules uns durch sein ganzes Leben bis zu dem Moment im Krankenhaus. Wir erleben Szenen, die sein Leben prägen, die ihn und auch seine Geschwister prägen. Dadurch, dass es nur so Ausschnitte sind, hat man das Gefühl, von Jules in etwas eingeweiht zu werden. Das Buch wirkt viel intimer. Denn wer würde jemandem schon sein ganzes Leben von A bis Z erzählen? Durch diese Szenen, diese Augenblicken kommt man dem Protagonisten viel näher, als ob er ein guter Freund wäre.
Doch nicht nur die Familie und ihre Probleme angesichts des Todes spielen hier eine Rolle, Vom Ende der Einsamkeit ist zugleich eine bezaubernde Liebesgeschichte, die einem ans Herz geht. Indirekt hat man sogar drei dieser Liebesgeschichten, völlig unterschiedlich, aber jede berührend. Ich könnte euch nicht verraten, selbst wenn ich wollte, wer mich mehr berührt hat.
Jules ist unser Hauptcharakter. Auch wenn er durch manche Szenen seine Geschwister in den Vordergrund rückt, ist er die Person, die wir durch Höhen und viele Tiefen begleiten. Ich empfand ihn als grüblerisch, als nachdenklich, als jemand, der nur schwer zu sich findet, und der sein Lebensziel noch nicht gefunden hat. Zugleich ist er auch einsam und das geht so tief, dass es in manchen Szenen schon weh tut. Aber Jules ist auch eine Person, in der man sich leicht wiederfinden kann und in die man sich leicht einfinden kann.
Marty ist der scheinbare Außenseiter, der nicht reinzupassen scheint, anfangs, in der Jugendzeit, nicht einmal in seinen Körper. Er und Jules haben bis auf die Eltern nichts gemeinsam. Er ist ein Eigenbrötler, ein Tüftler und hat klare Ziele vor Augen. Das bildet gegenüber dem fast schon antriebslosen Jules einen starken Gegensatz. Doch diese Unterschiede machen auch ihre Beziehung als Brüder aus. Ich las unglaublich gerne, wie sie direkt nach dem Unfalltod der Eltern auseinander gingen und sich im Laufe der Geschichte wieder aufeinander zu bewegten.
Die lauteste Figur in diesem Buch ist ein eindeutig Liz. Mal weiß sie, was sie will, mal auch wieder nicht. Da ist ein wilder Hunger in ihr, der sie nicht ruhen lässt, und der sie doch auch zerstört. Sie war wohl die Unnahbarste und die, in die man sich am Wenigstens einfühlen kann. Ein Mensch, der in Mittelpunkt steht, schön und beliebt ist, aber dem das nicht reicht.
Man sieht also, dass jede Figur für sich schon für einen Roman an Beschreibungen reichen würde. Ich würde euch am Liebsten noch so viel mehr erzählen, weil ich alle ins Herz geschlossen habe, auch Alva und insbesondere den Brenner, Anton… doch dann wäre da ja gar keine Überraschung mehr für euch beim Lesen!
Die Geschichte an sich ist schlicht, das habt ihr ja schon oben gesehen. Doch der Aufbau macht sie zu etwas Besonderem. Dieser Aufbau in die kleinen Augenblicke, die man mit erlebt, lässt einen das Buch verschlingen. Ich muss sagen, ich habe gar nicht gemerkt, wie sehr ich in dieser Geschichte drin war, bis am Ende die Tränen einfach so liefen, ohne dass ich dachte: Oh Gott, wie furchtbar/dramatisch/traurig/schön/wundervoll (tja, findet raus, was davon es nun war ;)).
Das klingt jetzt kitschig, aber erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr mich diese Figuren und diese Geschichte emotional bewegt und berührt hat. Denn es ist eine stille Geschichte, die in ihrer Schlichtheit und mit wunderschönen Sätzen berührt. Benedict Wells‘ Stil hat mein Herz berührt.




Wundervoll, bewegend, anrührend und wahr. Vom Ende der Einsamkeit erzählt von drei unterschiedlichen Geschwistern, die doch eines gemeinsam haben: Sie sind allein und einsam. Absolutes Herzensbuch.



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

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