[Rezension] Die Frau, die allen davonrannte – Carrie Snyder

Die Frau, die allen davonrannte - Carrie Snyder

 

Titel: Die Frau, die allen davonrannte
Autor: Carrie Snyder
Original: Girl Runner
Übersetzt von: Cornelia Holfelder von der Tann
Verlag: btb
Erschienen: 13.06.2016
ISBN: 978-3-442-75464-9
Preis: 19,99€
Leseprobe
 
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Carrie Snyder ist Mutter von vier Kindern, Autorin, Organisationstalent, Träumerin, Läuferin, Lehrerin, Fotografin und jemand, der sich die Zeit nimmt, um sich mit einer Tasse Kaffee vor den Computer zu setzen und sich mit dem eigenen Blog zu beschäftigen oder ein Buch zu schreiben. Auch wenn ihre Tage mehr als ausgefüllt sind, fragt sie sich immer wieder, was sie noch tun kann, um sie etwas schöner und wertvoller zu machen. Sie veröffentlichte zwei Bücher mit Kurzgeschichten, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Ihr erster Roman »Die Frau, die allen davon rannte« stand bereits wenige Wochen nach Erscheinen auf der Shortlist des Rogers Writers’ Trust Fiction Preises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Carrie Snyder lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und zwei Hunden in Waterloo, Ontario.




Dass Aganetha Smart einst eine kühne Pionierin war, ist in dem Altenheim, in dem sie sitzt, niemandem bewusst. Als zwei junge Leute auftauchen, um sie zu interviewen, sagt sie bereitwillig zu. Trotz ihrer Gebrechlichkeit sehnt sie sich nach Abenteuer. Und auch wenn ihre Erfolge weitestgehend in Vergessenheit gerieten, erinnert sie selbst sich noch sehr genau daran. Als junge Läuferin gewann sie eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Es war ein revolutionärer Sieg, Frauen durften in dieser Kategorie zum ersten Mal teilnehmen. Doch so sehr Aganetha sich bemühte, vor ihrer Vergangenheit konnte sie nicht davonlaufen – ebenso wenig wie vor den Konventionen ihrer Zeit.

Dies ist nicht der Liebesgesang der Aganetha Smart.



Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch lesen durfte, denn es hat mich von Anfang an gefesselt und in den Bann gezogen. Ich liebe einfach diese Einblicke in die Vergangenheit und das hier ist ein Gebiet, zu dem ich eigentlich bisher keinen Bezug hatte. Heutzutage wächst man ja damit auf, dass Frauen an der Olympiade eigentlich problemlos teilnehmen dürfen. So „Skandale“ wie dieses Jahr mit der Burka werden eher selten hochgespielt, die olympischen Spiele sollen ja als freies Spiel mit Schwerpunkt auf den Sportarten liegen (was wirklich daraus gemacht wird, dazu möchte ich jetzt nicht wirklich viel dazu schreiben). Doch hier wird eine Zeit beschrieben, die eben das nicht hatte, in der es ein Skandal war, dass eine junge Frau ein 800-m-Rennen lief. Heute laufen Frauen auch den Marathon und das war ein Skandal? Manchmal geht einem so was schwer in den Kopf, wenn man es einfach anders gewöhnt ist.
Wenn man den Klappentext liest, wird man vielleicht an gewisse andere Bücher mit Altersheim als Thematik erinnert… Dennoch ist es ein ganz anderes Buch. Gegenwart und verschiedene Vergangenheiten verschmelzen miteinander und es gibt keine klare Erzähltrennung. Denn Aganetha ist über 100 Jahre alt und ihre Gedanken sind nun mal sprunghaft geworden. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf der Vergangenheit, doch es gibt einen Auslöser in der Gegenwart, der erst dafür sorgt, dass das Gedankenkarussell wieder anläuft.
Ich war fasziniert davon, wie Aggie zum Laufen kam und die Beschreibungen… da habe ich als Laufmuffel mir doch glatt gewünscht, ich könnte das beim Laufen empfinden, was hier beschrieben wird. Man bekommt gleich ein Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit und kann den Wind im Gesicht spüren. Aganetha ist übrigens kein einfacher Charakter, sie hat mehr als genug Ecken und Kanten und im Laufe ihres Lebens wurden die zum Teil durchaus scharfkantig. Und es gibt bei so einem langen Leben wirklich genug Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, diese hier gehört jedoch dem Laufen. Aber eins sage ich euch: Ich hätte auch ein fünf Mal so dickes Buch über Aganetha gelesen, ohne zu zögern, denn es war toll. Es hat Spaß gemacht, die Geschichte zu erlesen und sich Stück für Stück ein Bild zusammenzusetzen und dennoch gab es am Ende dann – bäm! – eine Riesenüberraschung. Ich habe ja vieles erwartet, aber das hier? Nope. Dazu hatte ich echt keine Idee.
Neben Aggie erwarten euch noch viele weitere Figuren: Sie hat viele Geschwister und allein die Familiengeschichte der Smarts könnte ein Buch füllen. Ihre Mutter hat mich z.B. auch nachhaltig beeindruckt. Dann ihre Laufkameraden und Trainer und Mannschaftskameraden. Ich persönlich habe alles als so dicht und atmosphärisch empfunden, dass es auch hätte wahr sein können.
Man muss ein Faible für Lebensgeschichte haben, das ist ein Muss für dieses Buch. Aber wenn ihr gerne Geschichten lauscht, seid ihr hier richtig. Aggie hat jede Menge Geschichten zu bieten. Allein wenn ich jetzt darüber schreibe, möchte ich eigentlich nichts lieber als noch mehr zu dieser faszinierenden Frau zu erfahren. Meinetwegen auch das Buch nochmal zu lesen. Aber auf alle Fälle hat es dieses gewisse Etwas, das einen nicht mehr loslässt und das einen einfach weiter grübeln lässt. Trotz der nicht unerheblichen Seitenanzahl habe ich auch nach der Lektüre immer noch über Aggie und ihr Leben nachgedacht. Vieles wurde nämlich auch gar nicht erst ausgeschrieben, sondern nur angeschnitten und angedeutet. Was macht mehr Spaß als ein Buch, das eben Interpretationsspielraum lässt? Also ich liebe es genauso!




Eine unglaubliche Lebensgeschichte, die mich gepackt und nicht mehr losgelassen hat. Ich bin mir sicher, dass ich bei einer weiteren Lektüre noch mehr Andeutungen finde und das Buch dann wieder und wieder lesen will.

 



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

Mein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

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