[Rezension] Die Liebenden im Chamäleon Club – Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club - Francine Prose

 

Titel: Die Liebenden im Chamäleon Club
Autor: Francine Prose
Original: Lovers at the Chameleon Club, Paris 1932
Aus dem Englischen: Susanne Aeckerle
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: März 2016
ISBN: 978-3-570-10229-9
Preis: 22,99€
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Francine Prose, geboren 1947, hat zahlreiche preisgekrönte Romane und Sachbücher veröffentlicht. Sie war für den National Book Award nominiert und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Die Autorin lebt in New York. Zuletzt erschien auf Deutsch der Roman Lügen auf Albanisch.




Sie war Wettkampfsportlerin und erfolgreiche Rennfahrerin. Später arbeitete sie in einem Pariser Transvestitenclub. Sie trug Männerkleidung und liebte Frauen. Sie verriet ihr Land an die Deutschen und arbeitete unter der Besatzung für die Gestapo.

Basierend auf einer wahren Biografie entwirft Francine Prose die faszinierende Lebensgeschichte von Lou Villars, die auf der Suche nach Liebe und Anerkennung immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und Tod gerät. Der vielstimmige Roman lässt die spannungsreiche Vorkriegsepoche und die Zeit des Zweiten Weltkriegs lebendig werden. Francine Prose erzählt von Liebe und Kunst, von Krieg und Spionage, von Verführung und Verrat –
und wie Geschichte sich verändert, abhängig davon, wer sie erzählt.

 

Liebe Eltern, gestern Abend besuchte ich einen Club in Montparnasse, in dem Männer sich wie Frauen kleiden und Frauen wie Männer.

 



Dieses Buch ist ein wirkliches Puzzle, das am Ende ein fantastisches und besonderes Portrait einer außergewöhnlichen Frau ergibt. Lou Villar hat nicht gelebt, doch ihre Geschichte beruht auf einer wahren Lebensgeschichte. Und dass die wirklich großen, faszinierenden Teile des Buches auf eben diesen wahren Begebenheiten beruhen, macht es wirklich noch… Faszinierender? Besser? Außergewöhnlicher? Beeindruckender? Ich finde ja, es passt alles.
Anfangs war ich etwas irritiert, denn dieser Brief von Gabor passte nicht in meine Erwartungen, die ich mir gemacht hatte. Doch dann hat sich das Buch langsam aufgebaut und die verschiedenen Erzählstränge haben schließlich zusammen gefunden und die Geschichte hat sich entwickelt. Es ist eben nicht nur die Geschichte Lou Villars, sondern es spielen viele Charaktere rein. Gabor, der Fotograf, ist eben auch ein Teil davon, der letztendlich mit dafür sorgt, dass Lou zu dem wird, was sie am Ende des Buches ist. Er ist auch derjenige, der das Bild macht, welches unter anderem die Autorin zu der Geschichte inspiriert hat. Es ist auch das Bild, das das ganze Buch über präsent ist und ebenfalls eine entscheidende Rolle spielt.
Ich weiß hier wirklich nicht, wo ich anfangen soll, den am Ende des Buches war ich einfach sprachlos und baff. Mich hat diese Geschichte unglaublich beeindruckt und manchmal stimmt es einfach doch, dass das Leben die unglaublichsten (wenn auch hier nicht die besten) Geschichtenschreibt. Die Liebenden im Chamäleon Club gehört dazu. Es zeigt uns eine Zeit, in der das Leben bei Weitem nicht so einfach war, wie es heute ist. Insbesondere für Homo- und Transsexuelle. Aber ich kann euch nicht mal sagen, ob es diese Thematik war, die mich berührt hat, oder Lou Villar an sich. Diese Frau hat furchtbare Dinge getan, Dinge, die absolut unverzeihlich sind – auch wenn hier einiges noch hinzukam, waren ihre wirkliche Taten schon schlimm genug. Doch… ich kann sie als Mensch nicht verachten. Für mich ist sie eine Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurde. Nichts kann diese Taten entschuldigen, doch man kann es nach der Lektüre trotz allem nachvollziehen. Und dafür habe ich mich teilweise geschämt, denn… es kann eben nichts diese Taten entschuldigen. Selbst beim Lesen bekommt man einen Schuldreflex, den
ich zumindest nicht unterdrücken konnte. Der Teil über Lou war von einer Erzählerin geschrieben und deshalb auch nicht persönlich. Gedanken und Gefühle kann man nur an den Handlungen ablesen, doch ich finde, dass es dieser Stil gleichzeitig noch intimer macht. Gott, das klingt alles sehr konfus, aber ich stelle gerade fest, dass ich diese Geschichte noch nicht ganz verarbeitet habe. Das Buch hat mich wirklich bewegt.
Neben Lou hat man ja auch noch andere Charaktere, die einen durch diese Zeit begleiten und durch die man Einblicke auf die eigentliche Protagonistin gewinnt. Es sind sehr unterschiedliche Charaktere, sehr beeindruckende Persönlichkeiten, aber auch gleichzeitig Charaktere, die man manchmal wirklich nicht ernst nehmen kann. Gerade die Künstler. Doch durch all diese Charaktere zusammen erschafft Francine Prose eine Geschichte voller Tiefe. Das Buch wirkt unglaublich lebendig und manchmal hat man das Gefühl, man steht neben diesen Charakteren und erlebt das Ganze mit.
Ich glaube, was ich besonders zu schätzen weiß, ist, dass es keine Vorwürfe gegenüber Lou Villar gibt. In den Elementen, die nur über sie berichten, gibt es eine recht neutrale Berichterstattung. Und bei den anderen Figuren geht es von Desinteresse über Faszination als Künstler bis hin zu Schuldgefühlen. Aber – trotz den schlimmen Taten Lous – empfand ich das Buch nicht vorwurfsvoll. Und eigentlich auch nicht rechtfertigend. Francine Prose hat genau den richtigen Ton dazwischen getroffen, so hat es den Anschein eines Sachbuches, obwohl es doch ein Roman ist.

 



Dieses Buch ist wohl nicht die leichteste Kost. Und es lässt einen auch nach dem Lesen nicht los. Aber es ist ein Porträt über eine wahrlich faszinierende Frau. Und… wer Hintergründe zum zweiten Weltkrieg mit Lebensgeschichten gerne liest, muss dieses Buch lesen. Vielleicht können wir uns danach ja austauschen – das Bedürfnis hätte ich nämlich…

 

 



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

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