[Rezension] Der Dieb in der Nacht – Katharina Hartwell

 

Titel: Der Dieb in der Nacht
Autor:  Katharina Hartwell
Verlag: Berlin
Erschienen: August 2015
ISBN:  978-3-8270-1279-1
Preis: 20,00€
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Katharina Hartwell, 1984 geboren, studierte Anglistik und Amerikanistik sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie war u.a. Gewinnerin des MDR-Literaturpreises und Stipendiatin des Landes Hessen und des Freistaates Sachsen. 2013 war sie die Sylter Inselschreiberin. Ihr erster Roman »Das Fremde Meer« wurde begeistert aufgenommen und mit dem Hallertauer Debütpreis und dem Förderpreis für phantastische Literatur Seraph ausgezeichnet. 2015 erschien ihr Roman »Der Dieb in der Nacht«. Sie lebt in Berlin.





Zehn Jahre nachdem Felix verschwunden ist, sitzt Paul in einer Prager Kellerbar plötzlich seinem besten Freund gegenüber. Zumindest ist Paul im einen Moment sicher, ihn vor sich zu haben, im nächsten sieht der Mann Felix nicht einmal mehr ähnlich. Paul gerät in den Bann jenes Mannes, der sich Ira Blixen nennt, sich bewegt wie Felix, ihn anschaut wie Felix und ein Muttermal an der gleichen Stelle am Handgelenk hat. Kann es Zufall sein, dass Blixen vor Jahren bewusstlos aus dem Fluss gezogen wurde und keine Erinnerung an seine ersten 20 Lebensjahre besitzt? Blixen folgt Paul nach Deutschland, und es entwickelt sich ein Vexierspiel um Verlust, Identität und Sehnsucht, um Angst, Definitionen von Wirklichkeit und die Frage, wie sich über die Leerstelle sprechen lässt, die das Verschwinden eines Menschen in die Leben seiner Nächsten sprengt.

 

Als es klingelt, hat sie bereits geschlafen.




Dieser Roman ist… er macht mich immer noch sprachlos. Er ist faszinierend, weil er so verwirrend ist. Was ist hier die Realität, was ist wirklich passiert? Es ist in erster Linie Paul, der diese Unsicherheit durchlebt, der einfach nicht aufhören kann, an seinen verschwundenen Schulfreund Felix zu denken und schließlich ihn wiederfindet. Oder auch nicht. Doch auch Louise und Agnes – Schwester und Mutter Felix‘ – erzählen ihre Geschichte und ihr Erleben. Okay, dieses Buch ist großartig. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich so verwirrt hat und jedes Mal, wenn ich glaubte, der Lösung einen Schritt näher zu sein, wieder in eine völlig andere Richtung geführt hat. Es lässt einen nicht los und ich konnte einfach nicht aufhören, zu lesen. Ich musste es beenden, ich musste wissen, wie es ausgeht. Ich musste wissen, ob Blixen wirklich Felix ist.
Das gesamte Buch ist eigentlich ein reines Psychospiel. Es spielt mit den Gefühlen der drei Protagonisten und es spielt mit den Gefühlen der Leser. Ich konnte mich so unglaublich gut in Paul, Louise und Agnes hineinversetzen, ich habe so sehr mitgefühlt. Die Euphorie, die Unsicherheit und die Angst. Ich als Leserin war einfach mitten drin und nicht nur das: In diesem Moment war ich der jeweilige Charakter.
Der Dieb in der Nacht hat es geschafft, dass ich alles um mich herum vergessen habe, alles um mich herum hat sich einfach aufgelöst und ich war gefangen in der Geschichte. Dabei ist die Geschichte rein inhaltlich denkbar einfach: Ein Junge verschwindet spurlos. Es lässt die Angehörigen nicht los und dann findet einer von ihnen viele Jahre später den Jungen wieder. Doch gleichzeitig ist diese Geschichte alles andere als einfach: Ihr wisst, wie viele Gefühle schon die pure Sorge um jemanden auslösen kann. Und dann diese Vorstellung, welche Gefühle entstehen, wenn eine geliebte Person einfach verschwindet; und schließlich wieder auftaucht. Das ist ein wahres Meer an Gefühlen und das erlebt man als Leser einfach mit.
Ich schrieb ja, dass dieses Buch mich sprachlos macht, einfach nur sprachlos. Aber ich kann euch sagen (wenn ihr das noch nicht rauslesen konntet), es
hat mich berührt und bewegt. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann ich das letzte Mal eine solche Achterbahn der Gefühle beim Lesen eines Buches hatte. Allein beim Gedanken daran bekomme ich wieder Gänsehaut.
Okay, vielleicht noch etwas zu den Protagonisten: Die drei sind völlig unterschiedlich und genauso gehen sie auch mit dem Verschwinden um. Paul, der erste Erzähler und vor allen Dingen der Entdecker von Blixen, ist für mich der emotionalste Charakter. Die Gefühle der beiden Frauen sind auch stark, aber rein menschlich gesehen ist keine so emotional wie er. Seine Beziehung zu Felix war – sowie man es seinen Erinnerungen entnehmen kann – seltsam. Das habt ihr nicht erwartet, oder? Aber für mich hatten die beiden wirklich keine Freundschaft in dem Sinne, es ist einfach anders. Dadurch entstehen jedoch noch einmal ganz andere Gefühle als bei den beiden Blutsverwandten. Von daher ist Paul auch die Person, die für mich am Einprägsamsten war. Auch die beiden Frauen sind aber nicht langweilig, nur nicht ganz so intensiv und detailliert gestaltet wie Paul. Agnes ist die Schwammigste von den dreien, aber dennoch ein wirklicher Charakter.
Rein sprachlich hat das Buch mich von Anfang an mitgenommen. Katharina Hartwell hat einen sehr eindringlichen Stil, durch den die ganzen Emotionen noch stärker werden und das ist wohl perfekt für diese Geschichte.

 



Oh wow. Das Buch hat mich einfach nur mitgenommen – ein wahres Feuerwerk an jeglichen Emotionen und dabei ein Buch, das einen immer wieder überrascht und unsicher werden lässt. Für mich ein wahres Herzensbuch.

 

 



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

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