Ohrfeige – Abbas Khider [Rezension]

Titel: Ohrfeige 
Autor: Abbas Khider
Verlag: Hanser
Erschienen: Februar 2016
ISBN: 978-3-446-25054-3
Preis: 19,90€
Leseprobe
 
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Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt.



Es ist die Sicht von Karim, einem Flüchtling, der auch noch unter einer wirklich schlimmen und psychisch belastenden Krankheit leidet, ist eine ganz andere als jeder Flüchtlingshelfer hat.
Die deutsche Gesellschaft wird hier von außen beschrieben, als eine Gesellschaft, die offen scheint, in die man aber dennoch nur schwer Zutritt gewinnt. Und die Beamten, die sich um Asylanten kümmern, machen es diesen nicht gerade leicht. Daher kann ich diesen Gedanken, dieser Frau, für die Karim nur eine lästige Nummer war, zu sagen, was man empfindet, einfach nachvollziehen. Es wird dabei auch relativ schnell klar, dass Karim nicht in Deutschland bleiben wird – und DAS ist traurig. Er hat sich wieder einen Schlepper gesucht. Und nur, um Deutschland verlassen zu können, hat er illegal gearbeitet. Sonst hätte er sich die Flucht AUS Deutschland nicht leisten können. Dabei kennt man es doch nur andersrum: Die Flucht NACH Deutschland wird durch einen Schlepper eingeleitet. Hier lernt man als Leser, dass unser Land für Flüchtlinge eben nicht das ersehnte Nirvana ist. Vielleicht hat der eine oder andere das schon geahnt, aber diese Erkenntnis fand ich dann doch doch erschreckend.
Das Buch wirkt resigniert. Eigentlich hätte ich irgendwann noch eine Wutexplosion erwartet, aber Karim ist für mich einfach nur resigniert. In seiner Situation wäre ich das allerdings auch. In einer anderen Rezension habe ich von einer Sozialreportage gelesen und ich finde, dass das die perfekte Zusammenfassung für den Inhalt ist. Wir haben hier eine persönliche Sozialreportage, die durch einen Ich-Erzähler vorgestellt wird. Karim erzählt uns seinen gesamten Weg von dem Entschluss zur Flucht bis hin zu diesem Moment, in dem er seine Sozialarbeiterin an einen Bürostuhl fesselt und ihr seine Geschichte auf Arabisch erzählt. Ich kann es nicht ändern, aber mir hätte ein kleiner Ausbruch, in dem die Emotionen noch einmal hochkochen, wirklich gut gefallen. Gerade die psychische Belastung durch seine Krankheit hätte das sehr gut auslösen und rausfordern können. Aber das ist kein großer Kritikpunkt, denn letztlich ist diese resignierte Stimmung wohl sehr reell.
Man lernt aber nicht Karims Schicksal kennen, auch die Menschen, die ihn letztlich auf seinem Weg durch die Asylantenanträge begleiten, beschreibt er… und auch das ein oder andere nicht wirklich gut endende Schicksal. Es wird auch nicht an düsteren Untergrundsgeschichten gespart – die H&M-Bande und die Frauen, die aus dem Katalog bestellt werden, sind mir zu gut in Erinnerung geblieben.

Ein sehr gelungener Schachzug des Autors ist der Grund, aus dem Karim flüchtet. Wäre er ein politischer Flüchtling, einer aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Verfolgungsgründen, dann hätte es sicher deutlich mehr Kritikpunkte gegeben… Aber Karims Grund ist ziemlich einzigartig, außergewöhnlich und verdammt gut. Mit seiner Krankheit kann er einfach nicht im Irak leben. Und übrigens fand ich sein politisches Verständnis eher… mager. Ein ganz normaler Mann, der eigentlich nur friedlich sein Leben leben will und nicht politisch motiviert ist. Natürlich gibt es auch andere Flüchtlinge, jeglicher Abstammung und Gesinnung, doch Karim bleibt für mich immer höflich und irgendwie außen vor. Er ist einfach nicht extrem. Weder extrem gläubig oder extrem politisch oder extrem gewalttätig. Am Liebsten hätte ich ihm den Asylantrag höchstselbst genehmigt! Aber letztlich bleibt er eben nur eine Nummer.  



Flüchtlinge werden auch bei uns nicht als Menschen, sondern nur als Nummern gesehen. Karims Geschichte mit ihrem resignierten Ton zeigt eine Welt, die man normalerweise gar nicht so zu sehen bekommt. Ein sehr eindringliches Buch.  



Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Im Alter von 19 Jahren wurde er verhaftet. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten floh er 1996 nach der Haft. Nach verschiedenen Aufenthalten lebt er seit 2000 in Deutschland. In München und Potsdam studierte er Literatur und Philosophie. Sein Debüt „Der falsche Inder“ erschien 2006, weitere Titel folgten. Abbas Khider wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, u.a. den Hilde-Domin-Preis. 2017 ist er Stadtschreiber für die Stadt Mainz. Aktuell lebt er in Berlin.


 

Unverwechselbar, stimmgewaltig, bedrückend und zugleich voller Humor: Das ist Abbas Khiders „Ohrfeige“. Karim ist Flüchtling, seit drei Jahren in Deutschland und sehr wütend. Nun geht er noch ein letztes Mal in Ausländerbehörde, um seiner Sachbearbeiterin all das zu sagen, was sich über die Jahre angestaut hat. Er hat sich durch die Bürokratie gekämpft, sich versucht zu integrieren, nur um dann seinen Widerruf zu erhalten.  

Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

2 thoughts on “Ohrfeige – Abbas Khider [Rezension]

  1. Hey!
    Ich finde das Urteil, dass Flüchtlinge hier nur als Nummer gesehen werden, sehr pauschal. Anhand eines einzelnen Falles kann man das, meiner Ansicht nach, gar nicht beurteilen. Ich habe es in meinem Umfeld völlig anders erlebt. Die Sachbearbeiter im Sozialamt haben sich sehr viel Mühe gegeben, die Flüchtlinge bei allem, was notwendig ist, zu unterstützen und das ehrenamtliche Engagement war, zumindest bei uns in der Umgebung unglaublich großartig. Natürlich ist es schlimm, zu lesen, dass es jemanden gibt, der keine ausreichende Unterstützung erfahren hat, aber deswegen kann man, aus meiner Sicht, nicht das Fazit ziehen, dass Flüchtlinge in Deutschland nur eine Nummer sind.
    Viele Grüße
    Yvonne

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