Verdrängung, fehlende Worte und ein ganz anderer Beitrag als sonst.

Ich hatte es auf Twitter schon angesprochen, mir brennt da ein Text auf der Seele. Ich überlege schon lange, ob ich mich wirklich traue, das Thema auch auf meinem Blog anzusprechen. Oder besser gesagt: Das Thema überhaupt anzusprechen. Ganz ehrlich, beim Gedanken daran zittere ich am ganzen Körper. Aber gleichzeitig möchte ich es endlich loswerden. Wenn ich blogge, versuche ich da humorvoll heranzugehen. Auf Twitter merkt man schon eher mal, wenn es mir nicht gut geht. Dann kommen Phasen, in denen ich kaum etwas poste oder überwiegend auf meinem geschlossenen Account. Ich gehöre zu denen, die immer wieder von Depressionen überrollt werden. Aber das ist nicht einmal das Hauptthema dieses Blogeintrags. Die Depression hat ihren Grund und DAS ist das Thema.
Eins sage ich euch, während ich hier tippe, habe ich keinen Kloß im Hals, sondern Steine im Magen. Und genau das ist mit ein Grund, dass ich hier überhaupt sitze. Das sollte nicht sein, das darf nicht sein. Ich wurde sexuell missbraucht – und was ist? Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich. Aber das sollte ich nicht. Das sollte niemand. Wer jetzt Details befürchtet: Keine Sorge. Das mache ich mit mir selbst aus – das ist nichts, was im Internet breitgetreten werden sollte. Nur so viel sei gesagt: Eine Polizistin sagte bei meiner Aussage dort zu mir, dass hier schon der Tatbestand einer Vergewaltigung vorliegen würde. Aber das werde ich nie so ausdrücken, da kommt die Verdrängungstaktik zum Einsatz.Verdrängen kann ich nämlich gut. Mein Spezialgebiet.
Aber warum schreibe ich hier gerade überhaupt? Weil das, was mir passiert ist, sich auch in meinem Charakter widerspiegelt. Und weil ich darüber sprechen will, warum ich bin, wie ich bin. Warum ich manchmal abtauche, warum mir Treffen in der „Realität“ schwerfallen, warum ich mich mit Beziehungen schwer tue, warum ich mich langweilig und unwichtig finde, warum ich manchmal einfach Angst habe. Ich will aber auch kein Mitleid, ich kämpfe mich durch und ich gehe meinen Weg. Da muss ich auch wirklich sagen: Dank meiner Mutter. Wer keine starke Person an der Seite hat, die einen stützen kann, der tut mir wirklich leid.
So. Wow. Ich habe es geschrieben. Aber da ist noch mehr in mir, da ist so viel, dass ich gar nicht weiß, womit ich jetzt weitermachen soll. Ich fühle mich gerade wie eine Schleuse, die gerade geöffnet wurde, oder ein Damm, der die Flut nicht mehr halten kann.
Jetzt vielleicht doch noch ein paar harmlose Fakten: Es war keine kurze Zeit. Ich habe nicht nur Anzeige erstattet, sondern war auch (erfolglos) vor Gericht – tja, ich kann euch nicht empfehlen, beherrscht dahinzugehen, das wird gegen euch ausgelegt, aber ich bin einfach nicht der Typ, der vor anderen weint und schluchzt, egal wie mies es mir geht. Ich hatte einen wunderbaren Psychologen, der mich auf diesem Weg begleitet hat. Und natürlich meine Mutter immer an der Seite. Ohne sie würde ich nicht mehr leben.
An den Tod habe ich oft gedacht, ich stand auch durchaus kurz davor, meinem Leben ein Ende zu setzen. Als ich das unter Kontrolle hatte, war da manchmal aber immer noch die Frage, ob es nicht leichter gewesen wäre, wenn ich dem Drang nachgegeben hätte. Man, dafür schäme ich mich auch, aber man hat sich in diesen Moment nicht unter Kontrolle. Die Depression kontrolliert
einen. Diese Gedanken haben in dieser Zeit einfach zu mir gehört, ich konnte ihnen nicht entkommen.
Aber ich möchte euch eigentlich nicht mein Leid klagen. Ich möchte einfach nur über ein Tabu sprechen, ein Tabu, das so nicht sein sollte. Ich habe aktuell einen wunderbaren Job, nicht viele, aber dafür hervorragende Freunde, die ich nicht mehr missen möchte. Mir geht es soweit ganz gut. Ja, ganz gut, denn das ist etwas, das mich nie mehr loslässt. Ich habe damals in dieser verdammt beschissenen Zeit mein Abi gemacht, habe studiert und den B.A. of Arts bestanden, bin Buchhändlerin geworden und bin jetzt in München. In der ein oder anderen Sache gibts noch Optimierungsbedarf 😉 Aber ich bin zufrieden.
Trotzdem gehört das, was geschehen ist zu mir dazu – so ähnlich wie mein Name an der Tür. Ja, der war schlecht, aber zutreffend. Ich bin oft sehr ruhig und zurückhaltend, ich bin kein auf-den-Tischen-Tänzer, ich schreie nicht immer gleich hier, aber das muss ja auch nicht sein. Meine Ruhe schätze ich, bei zu viel Trubel brauche ich Zeit, um mich zurückzuziehen. Ich bin sicher nicht einfach, weil viele mich nicht einschätzen können. Es gab mal jemanden, der hat mich als verbittert bezeichnet, ein anderer als distanziert. So bin ich einfach, ich brauche meine Zeit, bevor ich auftaue. Okay, verbittert bin ich wirklich nicht… also ehrlich mal. Bei so Leuten denkt man sich nur, dass die sich mal an die eigene Nase fassen sollten, oder etwa nicht?
Mein Blog ist eine Fassade. Eine Maske, wenn man so will. Mein Humor ist durchaus auch Selbstschutz, aber trotzdem ist das hier alles ein Teil von mir. Ich bin mehr als verletzt worden, da lässt man auch nicht jeden hinter die Mauer, die man aufbaut. Manchmal fühle ich mich auch echt hilflos, weil ich da einfach schlecht drin bin. Ich würde gerne mehr Menschen treffen, aber ich bin eine kleine Mimose: Wenn ich es versuche und dann klappt es nicht, dann ziehe ich mich wieder total zurück. Was das mit dem ganzen Beitrag hier zu tun hat? Das ist ein weites Feld… Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Ich nehme mir Absagen und Verletzungen zu Herzen und die begleiten mich lange. Sehr lange. Nur ein Beispiel (natürlich ohne Namen!): Während der Verhandlung hätte ich einen Freund brauchen können. Es gab jemanden, dem ich zu hundert Prozent zugetraut hätte, für mich da zu sein. Ich habe vorher nie um Unterstützung gebeten, denn darin bin ich echt schlecht. Da bin ich über meinen Schatten gesprungen. Es war mein erster Versuch, jemand anderen darum zu bitten, für mich da zu sein. Ist natürlich schief gegangen. Die Person könne nicht für jeden da sein, sie hätte an dem Tag schon jemanden stundenlang mit seinen Problemen geholfen. Tja, mir fällt das ja eh schon schwer, aber ich sags euch: So etwas verbessert die Situation nicht. Gerade so ein harscher Ton. Das ist bald fünf Jahre her und ich knabbere immer noch daran. Ich bin halt Steinbock 😉
Was ich eigentlich sagen möchte: Es gibt alles ein großes Bild, das zusammenhängt. Es gibt viele kleine und große Bausteine, die einen Menschen zu dem machen, was er ist. Und dann gibt es so Bausteine, die die Gesellschaft nicht sehen will. Die heute noch Tabus sind.
Es gab damals auch Zeitungsartikel über die Verhandlung. Mein Name kam nie darin vor, ich habe keine Interviews gegeben, der Täter schon. Eines Tages saß ich in der Bahn, vor mir zwei Frauen, die sich über meinen Fall unterhalten haben. Sexueller Missbrauch auf dem Land – Sensation! Nur… wurde der Täter bemitleidet. Der arme Kerl. Ich würde ihn nur ruinieren wollen,
seinen Ruf schädigen. Ja, das war das, was er der Zeitung sagte. Sexueller Missbrauch kann einfach nicht sein, das passte nicht in das Bild des friedlichen Dorfambiente. Heute denke ich mir: Ich hätte etwas sagen sollen. Ich hätte mich wehren sollen. Ich hätte mich in vielerlei Hinsicht wehren sollen. Aber ich konnte nicht. Ich saß da wie gelähmt. Mich zu offenbaren, dass ich die Klägerin und somit das Opfer war? Neverever. Warum? Da sind wir wieder bei dem Eingangsproblem: Weil ich mich verdammt nochmal schämte.
Selbst vor Gericht wurde mir Scham eingeredet! Ich hatte eine Richterin (zuerst), die mich fragte, warum ich nichts gemacht habe? Im Prinzip habe ich die Schuld zugesprochen bekommen. Ich hätte mich wehren sollen. Ja, das ist wohl wahr, aber liebe Richterin, das hätte ich sagen sollen, stellen Sie sich vor, Sie sind in dieser Situation. Ausgeliefert. Das ist gar nicht so leicht, wie es klingt. Ehrlich nicht. Aber deshalb solle ich doch kein schlechtes Gewissen habe. Ich bin doch nur in diese Situation geraten.
Ich hatte Pech, dass es ausgerechnet mich erwischt hat. Aber auch wenn ich die Situation nicht auflösen konnte (ich war übrigens ein Teenager… eh noch
unsicher, also…), ich habe ein paar Jahre später den Schritt zur Anzeige gewagt. Weil ich nicht wollte, dass noch mehr Leute das erleiden müssen. Muss ich mich also schämen? Nein. Ich habe den Weg aus dieser verdammten Scheiße gefunden. Nein. Ich habe mich zurück ins Leben gekämpft. Nein. Ich habe Anzeige erstattet und vor Gericht gegen ihn gekämpft.
Ja, im Nachhinein hätte ich einiges anders machen können, aber es ging nicht. Ich habe das gemacht, was mir möglich war. Und jetzt gehe ich den nächsten Schritt auf meinem Weg: Ich schreibe diesen Text. Sexueller Missbrauch ist ein Tabuthema, über das man nur selten spricht, und wer steht schon gerne dazu, dass er missbraucht wurde? Aber verdammt nochmal, ich wurde
missbraucht.

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21 thoughts on “Verdrängung, fehlende Worte und ein ganz anderer Beitrag als sonst.

  1. Hey!
    Ich meinte ja damals zu dir, dass es dir vielleicht helfen könnte, den für dich schwierigen Beitrag zu schreiben. Und ich finde es gut, dass du es getan hast. Ich bin von deinem Mut und deiner Offenheit beeindruckt. Du bist eine starke Frau! Du hast viel erreicht, obwohl dir so viele Steine in den Weg gelegt wurden. Ich freue mich schon darauf, dich bald kennen zu lernen 🙂
    Ganz liebe Grüße
    Charline

    1. Das stimmt, du hast zu den ersten gehört, die mich dazu überzeugt haben. Und dafür bin ich dankbar ♥
      Ich freu mich auch drauf, dass wir uns kennenlernen!

  2. Ich kann dir sehr gut nachempfinden und ich habe großen Respekt davor, dass du so offen im Netz darüber sprechen kannst. Dafür hast du meine ehrliche Bewunderung.

    Ich wünsche dir, dass du bald an den Punkt kommst, an dem die Geschichte ein Teil deines Lebens ist, sie dich aber nicht mehr triggert, keine Depressionen verursacht (bzw. du lernst, wie du möglichst schnell wieder rauskommst) und du merkst, was für eine wundervolle Person du bist und du deine Mauern selbst einreißt.

    Vielleicht brauchst du noch etwas Zeit, aber du hast Menschen an deiner Seite, die sich um dich kümmern, weil sie dich lieben. Ich bin mir sicher, dass du diesen Punkt erreichen wirst und wünsche dir bis dahin alles Gute und ganz viel Kraft.

    Fühl dich ganz fest umarmt.
    Kat

  3. Gratulation zu deinem Mut, dies hier in die Öffentlichkeit zu tragen! Fühl dich einmal dick umarmt!
    Traurig, dass wir ein so weit entwickeltes Land sind und dann derartige Urteile gefällt werden. Aber lass dich nicht unterbuttern 😀

    [edit: kann es sein, dass hier nicht alle Kommis von mir ankommen? hatte in letzter Zeit hier kommentiert und keiner ist oben?!]

    1. Danke dir! Ja, so ist das einfach… Aber es ist, wie es ist. Und er hat sich letzten Endes doch auch selbst geschadet. Das ist zumindest ein Hauch von Gerechtigkeit.

      (Sie kamen an… aber ich hab den letzten Monat nicht viel am Blog direktgemacht, weil ich über diesen Beitrag so viel nachgedacht habe, deshalb sind sie erst jetzt freigeschaltet. Shame on me!)

  4. Danke für Deine Worte und Deinen Mut die Gedanken hier aufzuschreiben. Nach meiner Meinung sind in erste Linie die Schuld, die anderen Menschen so etwas antun und in zweiter Linie die, die junge Menschen nicht auf so etwas vorbereiten. Wobei natürlich die Frage ist, wie man einen jungen Menschen auf so einen Scheiß vorbereiten soll.

    Aber Du! Brauchst Dir keinerlei Vorwürfe, Gedanken machen oder Dich vom Gewissen treiben zu lassen. Denn Du hast das in dem Moment, nach Deinem Wissenstand beste getan was Du hättest tun können.

    Das ist natürlich leicht geschrieben oder auch gesagt und das Innere Deines Kopfs brüllt Dir wahrscheinlich Anderes entgegen. Menschen haben in so einer Situation anders gehandelt und sind heute deswegen nicht mehr unter uns oder sie haben viel Glück gehabt.

    Diese Worte sind für Dich. Ich hoffe sie geben Dir Kraft in Situationen, in denen Dich die eigenen Gedanken plagen.

    1. Vielen Dank! Ja, es klingt jetzt alles ganz einfach, in der Zeit war es das einfach nicht. Deshalb gebe ich mir auch jetzt weder Schuld noch sonst etwas. Früher war das zwar anders, aber jetzt… komme ich besser damit klar.

  5. Ich finde es gut, dass du gegen das Tabu vorgehen möchtest. Leute, die bis heute leugnen, dass die Täter von Missbrauchsdelikten schuldig und damit Verbrecher sind, könnte ich alle schlagen. Ich habe glücklicherweise nur ähnliche Erfahrungen gemacht, nicht so extrem, aber ich habe es nie gesagt und immer gedacht, es sei meine Schuld. Und mit dieser Kultur, die wir da pflegen, ist das leider nur die normale Reaktion. Aber wenn Leute wie du den Mut haben, darüber zu sprechen, kann sich langsam auch etwas ändern. 🙂 Danke dafür.

    1. Danke dir. Ja, manchmal ist es schon schwer, sich als Opfer zu behaupten. Da helfen die, die wiederum nur so tun, als wären sie Opfer auch nicht hilfreich. Eine neverending Story.
      Es ist nie die Schuld des Opfers, aber das geht in die wenigstens Köpfe hinein. Das ist eines der größten Probleme. Aber wir haben keine Schuld und es gibt keinen Grund, sich dessen zu schämen.

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