Warum ich wirklich cosplaye [#falschescham]

Warum cosplayst du?

Die Frage habe ich jahrelang nicht ganz ehrlich beantwortet. Weil es mir Spaß macht, weil ich es spannend finde, ein Kostüm entstehen zu lassen, weil ich die KuraiOfAnagura kenne (ehrlich, ohne sie wäre ich gar nicht in die Szene gekommen!). Das stimmt alles irgendwo, aber es sind nur Halbwahrheiten.

Die erste Convention

Habe ich euch jemals von meiner ersten großen Convention erzählt? Das war die AnimagiC 2007 in Bonn. Ich hatte damals nur ein Ticket für Samstag. Es war gerade ein halbes Jahr her, dass ich mich aus dem Missbrauchsloch gekämpft hatte und allein wäre ich nicht gefahren. Meine Mutter war mit dabei. Unser Hotel war eigentlich gar nicht so weit entfernt von der Convention. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter den ganzen Nachmittag aus dem Fenster hing, um Cosplayer zu beobachten.
Bei mir hingegen stieg die Nervosität an. Ich hatte unglaublichen Schiss. Ich fühlte mich in meinen Klamotten nicht wohl, ich fühlte mich fehl am Platz. Einmal über den Vorplatz laufen? Habe ich mich nicht getraut. Erst abends, nachdem ich beim Griechen einen Begrüßungsouzo, eine Ouzoplatte und einen Abschiedsouzo hatte, hat meine Mutter es geschafft, dass ich über die AnimagiC laufe. Aber ich habe mich total unwohl gefühlt.
Am Samstag war ich dann dort, ich war drin. Aber um ehrlich zu sein: Ich erinnere mich noch kaum an die Con. Keine Ahnung, was ich da letztlich gemacht habe, das ist alles weg. Geblieben ist nur dieses Angstgefühl und dieses Außenseitergefühl. Und der Gedanke, dass das alles anders gewesen wäre, wenn ich ein Cosplay getragen hätte.

Der Moment

Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich werde ein Cosplay tragen. Hätte mir jemand gesagt, dass ich 2017 meine Kostüme selbst nähe, ich hätte herzhaft gelacht. Zwar hatte ich 2007 eine Nähmaschine geschenkt bekommen, aber es hat niemand von uns geglaubt, dass Lysop (meine Nähmaschine) und ich nach zehn Jahren eigentlich ganz gute Freunde geworden sind.
Shikamaru Cosplay
2008 war dann meine zweite Convention mit meinem ersten Cosplay: Shikamaru aus Naruto. Es ist ziemlich kennzeichnend, dass es keine Frau war, oder? Ich bin vom Aussehen her wirklich nicht der Typ für männliche Cosplays. Daher habe ich damit aufgehört. Aber in dieser Zeit war ich gar nicht in der Lage zu meiner Weiblichkeit zu stehen. Denn das hat nicht zu dem, wie ich mich gefühlt habe, gepasst. Ganz im Gegenteil: Ich wollte mich verstecken und zwar mein Dasein als Frau. Das wird mir jetzt gerade in diesem Moment, in dem ich diesen Text hier schreibe, bewusst. Wow. Was für eine eigentlich logische Erkenntnis. Mein erstes Cosplay musste ein Kerl sein – es hat nicht geschadet, dass es ein verdammt cooler Typ war. Und die mir-doch-egal-Attitüde auch nicht! Ich glaube, ich sollte mal darüber schreiben, warum ich welchen Charakter ausgesucht habe. Da lerne ich noch mehr über mich selbst. Aber zurück zum Thema…
Ich cosplaye also nur, weil ich mich endlich irgendwo dazugehörig fühlen wollte. Schräg, oder? Meinem schwachen Selbstbewusstsein ist es zu verdanken, dass ich heute bin, was ich bin. Das war zumindest meine Anfangsmotivation. Es halt auch, dass ein Cosplay ja nichts anderes als eine Maske ist. Eine sichtbare Maske, das ist doch mal eine Abwechslung zu den anderen Masken, hinter denen ich mich sonst versteckt habe. Das war dann der Moment, in dem ich wirklich zur Cosplayerin wurde. Hinter diesen Masken konnte ich mal jemand anderer sein und mich aus meinem Alltag befreien.

Die Freiheit des Cosplays

Ein Cosplay bedeutet Freiheit von den Gedanken, die einen sonst bedrücken, man kann sich komplett in jemand anderen verwandeln. Das ist das, was ich am Cosplay liebe. Ich kann mich zurücklassen und meine Probleme, meine Ängste, meine Sorgen, meine Vergangenheit. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch im Cosplay Sorgen habe: Bin ich zu dick, sehe ich doof aus, wird alles halten, steht mir der Charakter überhaupt? Das Übliche halt, das wohl jeder kennt, oder? Aber trotzdem ist Cosplay Befreiung für mich. In der Regel sind das die einzigen Momente, in denen ich mal nicht zu viel denke, sondern einfach Spaß habe. Im Zuvieldenken bin ich nämlich großartig. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Perücken meinen Riesenschädel so einengen, aber egal wie, es tut einfach gut.
Angggel Lily Cosplay
Übrigens merke ich das auch bei Bildern von mir selbst: Ich finde mich auf Bildern ohne Kostüme noch immer nicht wirklich hübsch und habe da starke Selbstzweifel. Dank meiner lieben Arii habe ich aber gelernt, mich auf Bildern mit Cosplay hübsch und toll und geil zu finden! Sie macht einfach immer so tolle Bilder von mir.
Unser erstes gemeinsames Shooting war Lily. Das waren auch die ersten Cosplaybilder von mir, bei denen ich mich richtig hübsch fand. Cosplay ist eben eine andere Rolle – wenn frau sich hinter der Maske versteckt, kann sie sich auch hübsch finden. Ich habe da echt noch einiges vor mir. Aber ich bin auf dem richtigen Weg!
Ich bin auch trotz allem selbstbewusster geworden. Ich habe kein Idealgewicht (das ist ein anderes Thema, das ich sicher irgendwann auch mal ansprechen werde), aber durch das Cosplay habe ich gelernt, mich trotzdem zumindest größtenteils zu akzeptieren wie ich bin. Wenn ich nicht cosplayen würde, würde ich heute vermutlich nicht hier sitzen und bloggen. Wow. Verrückt. Obwohl ich das gar nicht schreiben wollte: Ich würde vermutlich Säcke statt Klamotten tragen und mich dahinter verstecken. Mein Haar wäre sicher nicht quietscheorange, schminken… davon will ich gar nicht erst anfangen! Cosplay hat mir Selbstbewusstsein beigebracht – obwohl da immer noch Verbesserungspotenzial ist. Aber es war ein Anfang, der wichtig war.

Cosplay kann auch Egoismus heißen

Das klingt jetzt seltsam, aber es ist gut, dass die Cosplayerszene viele Egoisten hat.Evergreen Chimiko Viele Selbstdarsteller, die sich selbst am Wichtigsten sind. Ich könnte euch da so einige Beispiele nennen, aber dann finde ich kein Ende. Oh, oh, ich bin böse! Und gemein… aber es ist nun mal so. Die Selbstdarsteller und Egos sind vielleicht nicht hilfreich im klassischen Sinne. Aber um zu bestehen, muss man das auch ein bisschen abkönnen und sich selbst durchaus etwas in die Richtung erarbeiten. Man braucht gesunden Egoismus, um zu cosplayen! Trotzdem nerven mich die Egoisten, die sich nur um sich selbst kümmern und einfach nur wollen, dass sie im Rampenlicht stehen und tolle Bilder kriegen. Gott, ich kenne da viel zu viele Beispiele, wie mir gerade auffällt.
Also: Ja, das Nähen macht mir schon Spaß (meistens). Zu sehen, wie ein Charakter entsteht, ist grandios! Aber Cosplay bedeutet für mich Freiheit. Selbstbewusstsein. Mich hübsch zu finden. Einfach mal loslassen zu können. Nicht immer ich sein zu müssen.
Trotzdem merke ich noch heute, dass ich in einigem Nachholbedarf habe: Ich bin immer noch zu schüchtern, um Leute anzusprechen. Ich fühle mich nicht gut genug, von Fotografen fotografiert zu werden. Ich finde nicht, dass ich eine gute Cosplayerin bin. Uff. Ihr wolltet also nicht wissen, wie ich ohne Cosplay wäre! Da habe ich noch ein gutes Stückchen Weg vor mir, aber ich arbeite dran. Das ist das Beste, was ich machen kann 😀

6 thoughts on “Warum ich wirklich cosplaye [#falschescham]

  1. Ich habe deinen ganzen Beitrag gelesen, weil ich selber cosplaye.
    Wow. Ich kann dir Recht geben. Es stimmt, dass Cosplay Selbstbewusstsein gibt, aber auch nehmen kann.
    Es ist ein Wechsel und das ist immer auf einem schmalen Grad.

    Ein guter Beitrag und schön, dass du so offen sprichst!

    1. Cosplay ist nicht immer einfach, aber wenn man über die definitiv vorhandenen negativen Seiten hiwnegsieht, dann kann es einem sehr viel bringen!

  2. Ich finde es toll, dass du da so ehrlich bist. Ich finde dich sehr hübsch, muss ich gleich mal raushauen. Und ich finde deine Cosplay-Bilder einfach toll. Ich hätte nie die Kreativität und die Ausdauer und das Durchhaltevermögen. Und wenn es dir noch hilft, dann umso besser. 🙂

    1. Vielen, vielen Dank! Cosplay ist tatsächlich sehr beruhigend an sich und fürs Selbstbewusstsein schadet es nicht 🙂

  3. Hallo liebe Chimiko, ein wirklich toller Beitrag.

    Ich selbst bin leider nur eine Bewunderung des Cosplays, da ich es selbst nicht ausüben kann. Dein Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf und ist sehr schön formuliert. Auch sehe in diesem Lifestyle die Freiheit, die Kreativität und das Selbstbewusstsein. EInmal aus der Haut schlüpfen und jemand sein den andere bewundern und der man selbst am liebsten immer wäre. Ein wunderschönes Hobby , was ich, auch wenn nur als Beobachter, sehr genieße.

    Viel Spaß weiterhin damit….

    Liebe Grüße Anja 🙂

    1. Danke! Ich freue mich auch über Beobachter, ich selbst schaue auch manchmal einfach nur und staune. Cosplay ist eine tolle Sache ♥

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