Aus aktuellem Anlass – Depressionen verschwinden nicht #falschescham

Chester Bennington. Seinen Tod hat sicher jeder von euch mitgekriegt, oder? Ich auch und ich sage euch eins: Dieser Suizid hat mich erschüttert. Und nein, ich war kein Superfan von Linkin Park – ich mag die Lieder gerne, aber ich feiere die Band nicht frenetisch.

Ein Tod, der mich nicht loslässt

Warum also hat mich dieser Tod so bewegt? Chesters Vergangenheit erinnert mich an meine eigenen schlechten Erfahrungen in meiner Vergangenheit. Er hat so lange gegen diese Erinnerungen gekämpft, aber sie lassen einen nie los. Genauso geht es mir auch und es ist einfach entmutigend, wenn jemand anderer diesen Kampf verliert. Da kommen unweigerlich die Fragen auf, ob man diesen Kampf auf Dauer gewinnen kann. Selbstzweifel begleiten mich schon lange Zeit und werden mich wohl nicht so schnell verlassen.

Mir fehlen noch immer die Worte und ich kann nicht ausdrücken, wie sehr mich dieser Suizid getroffen hat. Wenn jemand scheinbar einen Weg gefunden hat, seinen Schmerz und seine Qualen auszudrücken und auch zu einem Symbol für andere geworden ist, wenn alles darauf hindeutet, dass es ihm besser geht, dann ist das… unfassbar. Zumindest für mich. Und es quält einen der Gedanke, dass man seiner Vergangenheit doch nicht entkommen kann. Ob man ihr wirklich entkommen kann oder sie einen doch immer wieder einholt.

Ja, das waren Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind – aber macht euch keinen Kopf. Das sind keine guten Gedanken und das weiß ich auch. Weshalb ich das hier schreibe: Nach Chesters Tod ist eine große Welle des Mitgefühls und der klugen Gedanken zum Thema Depression im Internet und in den sozialen Medien umhergegangen. Jetzt, keine zwei Wochen später, ist das schon wieder vorbei. Ja, vereinzelt gibt es noch Beiträge, aber es ist doch genauso, wie negative Stimmen es vorhergesagt haben: Das Mitgefühl und die Aufmerksamkeit für Depressionen ist nur von kurzer Dauer gewesen. Einmal begeht ein Prominenter Suizid und das Thema kommt hoch, nur um dann wieder unterzugehen. Dabei ist das so wichtig für uns Betroffene.

Depressionen sind immer da

Bei uns sind diese Gedanken immer präsent und nicht nur temporär zwischendurch, wenn dann mal etwas in die Richtung passiert. Uns geht es nicht besser, wenn dann mal für eine Woche im Jahr das Verständnis wächst. Kennt ihr diese Sprüche? „Reiß dich mal zusammen“ oder „Ich verstehe nicht, warum du nicht mal dahin oder dorthin gehst“ oder auch „Das wird schon werden“ und der Klassiker „Mach dir keinen Kopf“. Das geht eben nicht. Wenn mich die Depressionen übermannen, kann ich mich nicht zusammenreißen. Ich kann abends nicht mein Sozialleben aufpeppen, wenn ich doch schon jede Energie brauche, um den Tag zu überstehen und meine alltäglichen Dinge zu tun. Wie soll ich auf zig Veranstaltungen gehen, wenn ich manchmal nicht mal weiß, wie ich die Energie zum Kochen aufbringen soll? Es gibt Tage, an denen stehe ich vor dem Kühlschrank und schließe ihn wieder, um ins Bett zu gehen, weil ich einfach nicht kann. Nicht wachbleiben, nicht kochen, nicht essen kann.

Also bitte vergesst das nicht: Wir können uns nicht zusammenreißen, die Krankheit Depression lässt das nicht zu. Und vor allem haben wir sie das ganze Jahr, nicht nur, wenn sie in den Medien mal wieder hochkommt. Diese medialen Ereignisse können einen außerdem ziemlich außer Takt geraten lassen – mich bewegt das immer noch und diese Fragen lauern in meinem Hinterkopf.

2 thoughts on “Aus aktuellem Anlass – Depressionen verschwinden nicht #falschescham

  1. Liebe Chimiko,

    diesen Beitrag müsste man jeden Monat wieder nach vorne holen und allen Leuten wieder und wieder ins Gedächtnis rufen. Denn Depressionen sind eine so weit verbreitete Krankheit, dass jeder mehr als eine Personen kennt, die daran erkrankt ist.

    Ich wusste zwar einiges darüber, aber erst als ich selbst eine Depression bekam, habe ich gemerkt, wie sich das tatsächlich anfühlt. Und wie falsch ich vorher mit meiner Vorstellung darüber lag, wie es ist, mit Depressionen zu leben.
    Noch ist vieles im Argen, es fehlt an Verständnis in der Bevölkerung, weil man einem diese Krankheit nicht unbedingt ansieht, man weder Krücken braucht noch einem die Haare ausfallen.

    Aber ich merke schon auch, wie sich das Bild in der Öffentlichkeit ändert. Auch, weil Menschen, die reich, schön und berühmt sind und offensichtlich ein tolles Familienleben haben, trotzdem dieser Krankheit erliegen, indem sie Selbstmord begehen. Langsam wird diese Krankheit ernster genommen (aber noch nicht ernst genug) und je mehr Leute öffentlich darüber reden, ihre Geschichte erzählen und solche Blogartikel schreiben wie Du diesen hier, desto mehr bleibt das Thema im Bewusstsein und es kann sich was ändern.

    Ich persönlich habe in meinem Umfeld übrigens fast nur positive Erlebnisse gehabt, weil zwar nicht unbedingt genug Wissen über Depressionen da war, aber jeder aufgeschlossen war und die Krankheit auch ernst genommen hat. Vor 10 Jahren hätte das sicher anders ausgesehen. Und auch weil Du Dich offen (und öffentlich) äußerst, bist Du ein weiterer Schubser in die richtige Richtung.

    Übrigens: Folgst Du dem Autor Matt Haig auf Twitter? Der schreibt ganz viele tolle Tweets, auch zum Thema Depressionen.

    LG Gabi

    1. Liebe Gabi,

      vielen, vielen Dank! Ja, Depressionen sind einfach nicht sichtbar und das macht es für uns Betroffene schwer. Deshalb habe ich mich auch entschieden, es öffentlich zu machen. Trotzdem würde ich nie auf der Arbeit davon reden oder deshalb krank daheim bleiben. Wir haben also immer noch einen weiten Weg vor uns!

      Matt Haig ist toll! Sein Buch hat auch einen Anstoß gegeben, mich hier durchzukämpfen und diesen Weg zu gehen.

      Alles Liebe
      Chimiko

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