Schreiben als Lebensretter #falschescham

Schreiben hat mein Leben gerettet. Das ist ein Satz, den ich definitiv viel zu selten ausspreche, aber es ist so – Schreiben als Lebensretter ist möglich. Hätte ich nicht geschrieben, würde ich heute vielleicht gar nicht mehr schreiben. Eingestehen will man sich das natürlich eher weniger. Ich zumindest denke da nicht so gerne darüber nach. Aber trotzdem ist das jetzt das Thema dieses Beitrages.

Um das Schreiben geht es also. Und ich meine nicht Blogbeiträge wie diesen, auch wenn die mir mittlerweile durchaus ebenfalls helfen. Es geht um Geschichten, um Fantasien, um Gedanken, die ich versucht habe, in meine Worte zu fassen und zu Papier zu bringen. Aber ich beginne heute doch mal ganz klassisch am Anfang meiner Geschichten-schreib-Geschichte.

Fanfictions – Self-Insert und Mary Sue sagen hallo

Tja. Was soll ich sagen? Es ist wahr: Auch ich habe mit Fanfictions begonnen. Meine allererste Fanfiction war und ist wirklich das Paradebeispiel einer schlechten Geschichte. Mit dem grandiosen Titel Neue Freunde?! habe ich dieses Meisterwerk damals in die weite Welt hinausgeschickt. Inklusive einer Mary Sue namen Maia Sonia, die letztlich nur der Wunsch war, selbst in One Piece (ja, dazu war das Geschreibsel) mitzuspielen. Maia Sonia hat die Kopftuch-Piratenbande begründet. Kreativ, oder? Strohhut. Kopftuch. Und natürlich war das Love Interest Lorenor Zorro. Also ich verrate euch eins: Es war nicht diese Geschichte, die mir das Leben gerettet hat. Aber es war der Anfang, um immer mehr zu schreiben. Das war 2005. Vor zwölf Jahren. Es war auch die Zeit, in der ich missbraucht wurde. Es war zwei Jahre, bevor ich die Worte niedergeschrieben habe, die mich gerettet haben. Vielleicht war das auch das, was mich bei dem Wunsch, mich in One Piece hineinzuschreiben angetrieben hat. Der Realität zu entfliehen.

Flucht aus der Realität

Das war immer mein Antrieb beim Schreiben: Ich bin in andere Welten abgetaucht. Ich habe mir meine eigene Welt erschaffen. Falsch: meine eigenen Welten. Anfangs waren es Fanfictions. Je älter ich wurde, umso mehr eigene Geschichten kamen dazu. Auch einige, in denen ich in Ansätzen versucht habe zu verarbeiten, was mir passiert. Im geschriebenen Wort konnte ich mich schon immer besser ausdrücken. Wenn ihr mich persönlich kennenlernt, kann es gut sein, dass ihr euch wundert: Während ich echt wie ein Wasserfall schreibe, bin ich im echten Leben erstmal sehr ruhig und rede nicht viel. Außer bei Menschen, denen ich vertraue, dann werde ich auch da ein kleiner Plauderwasserfall. Und in Gruppen bin ich noch ruhiger. Beim Schreiben ist das anders.

2007 – ein Jahr der Veränderungen

2007 war es soweit, da habe ich meine Geschichte geschrieben. Obwohl es eigentlich keine richtige Geschichte ist. Es sind Gedanken, die ich niedergeschrieben habe. Gedanken, die in meinem Kopf kreisten und die erst geschrieben wirklich Sinn ergaben. Nachdem ich diese Worte geschrieben hatte, habe ich erst zu meiner Mutter sagen können: „Da möchte ich nicht mehr hin.“ Erst nachdem ich diese Worte geschrieben hatte, nahm ich Abstand von meinen Suizidgedanken. Vielleicht sind die Worte nicht außergewöhnlich, aber für mich waren sie wie eine Art Zauberspruch. Sie haben mich befreit und mir die Kraft gegeben. Ich muss ehrlich gestehen, seit der Gerichtsverhandlung (2011 oder so? Gott, mit Daten zum Missbrauch habe ich es echt gar nicht) habe ich sie nicht mehr gelesen. Aber – und jetzt atme ich tief ein und wieder aus – hier sind sie für euch:

Das fällt mir nicht leicht, sie öffentlich zu machen, aber ich habe es im Gefühl, dass ich hiermit ebenfalls auf dem richtigen Weg bin. Gerade weil diese wenigen Worte für mich ein Zauberspruch waren und für euch natürlich nicht die gleiche Bedeutung haben, ist es nicht leicht, sich da zu öffnen.

Schreiben als Lebensretter und als Befreiung

Ich muss ehrlich sagen: Bevor ich diese Worte geschrieben habe, habe ich nicht so viel geschrieben. Es war häufig belanglos und es waren einfach Fanfictions. Die meisten existieren gar nicht mehr. Zurecht, denn sie waren nicht gut. 2007 habe ich bis auf meine magischen Worte wirklich gar nichts geschrieben. Da musste ich mit dem Leben klarkommen. Abitur. Psychologen finden. Ein FSJ im Kindergarten. Aber danach, da legte ich so richtig los. Und es hat mir geholfen. Es war besser als Nichtstun. Es war besser als in den schlechten Gedanken zu versumpfen. Gott, was habe ich geschrieben. Die Anzahl der Fanfictions auf meinem Animexx-Account sind Beweis genug. Man kann scrollen und scrollen und scrollen. Und dann sind da noch die Geschichten, die eigentlich eine Sammlung verschiedener One-Shots sind. 2008 bis 2012 waren da meine Schaffenshöhepunkte. 2013 wurde es schon weniger. Danach schrieb ich kaum noch (obwohl ihr mich ja dafür schon seit 2012 auf meinem Blog ertragen müsst). Und ich vermisse es.

Es hat mir so viel gegeben, zu schreiben. Es hat mich eben nicht nur gerettet, sondern auch beruhigt. Wenn ich in fremde Welten abtauchen konnte, konnte ich auch meine Emotionen zeigen. Meine ersten Fanfictions waren alle eher dramatisch und mit schlechtem Ende. Das war meine Möglichkeit, meine schlechten Gefühle auszudrücken und diese Emotionen auszuleben. Ich habe ja schon in meinem Blogbeitrag zum Thema Weinen erzählt, dass ich das lange Zeit nicht konnte und erst lernen musste. So ging es mir auch damit, meine Gefühle zu zeigen. Noch heute suche ich manchmal das richtige Maß zwischen Zurückhaltung und zu viel Information. Im Schreiben konnte ich die Finsternis hinter mir lassen, auch wenn meine Figuren dafür etwas leiden mussten.

Ein ganz kurzer Exkurs in meine Schreiberfahrungen

Wie sehr ich meine Emotionen ausgelebt habe, zeigt eine Geschichte namens Frieden. Sie handelt vom Tod eines Naruto-Charakters. Ich sagte ja, ich war nicht glücklich, in mir herrschte wirklich Finsternis und damals auch immer wieder der Gedanke an den Tod als Befreiung. Also habe ich eine Geschichte geschrieben, in der der Charakter gestorben ist. Es war kein bestimmter Charakter, ich habe die Du-Ansprache genutzt. Ich wurde von manchen Lesern gefragt, ob ich Nahtod-Erfahrungen gehabt hätte. Einer hat mir sogar eine persönliche Nachricht geschrieben und gefragt, ob ich krank wäre. Ja, das war ich. Aber nicht so, wie die Person sich das gedacht hat. Das hat sich eingebrannt, sowas vergisst man nicht.

Ganz ehrlich: So würde ich heute nicht mehr schreiben, aber es gehört nun mal zu dem, was mich geprägt hat. Und es zeigt deutlich, man merkt meinen Geschichten auch irgendwie meinen Gemütszustand an. Je besser es mir im Verhältnis zu der ganz dunklen Zeit ging, umso heller wurden meine Geschichten. Es gab Liebesgeschichten, es gab eine Art von Dystopie, es gab Humor. Als ich mir vor kurzem mal ein paar dieser alten Stories durchgelesen habe, ist mir das klar geworden. Ich habe mich verändert und auch mein Stil hat sich verändert. Ich frage mich, wie ich wohl heute schreibe? Vielleicht sollte ich das mal testen.

Schreiben gibt einem so vieles

Das Schreiben kann einem wirklich vieles geben. Es muss ja nicht immer gleich Schreiben als Lebensretter sein: Wenn es einem schlecht geht und man sich verbal nicht ausdrücken kann, dann sollte man sich hinsetzen und versuchen zu schreiben. Wenn die Wut einen reizt und man sie nicht aussprechen kann, dann schreibt man sie einfach nieder. Sollte es euch gehen wie mir, dann versucht es doch einfach.

Eure Geschichte muss nicht perfekt sein, sie muss keinem Millionenpublikum gefallen. Sie muss euch helfen, eure Gefühle zu kanalisieren und irgendwie loszuwerden. Rechtschreibung? Egal! Grammatik? Na ja, grob sollte sie stimmen, aber… egal! Zeichensetzung? Schickt eure Kommata im Rudel in den Urlaub! Alles, was hier zählt, ist der Inhalt. Und selbst der muss nicht logisch sein. Zumindest nicht für andere. Wenn ihre eure Gefühle niederschreibt, dann ist da nur für euch selbst, für niemanden sonst.

Also zieht euch zurück, nehmt euch Stift und Papier oder ein Notebook und fangt an. Es gibt keine Regeln, keine Konventionen. Ihr wisst nicht, wo ihr anfangen sollt? Dann macht es doch genau mit diesen Worten. Denkt nicht zu viel nach, lasst euren Geist ruhig schweifen. Schreibt einfach das, was ihr fühlt. Und vielleicht hilft es euch dann so sehr, wie es mir geholfen hat. Euer ganz persönlicher Zauberspruch!

Bitte nur lesen, wenn keine Triggergefahr besteht

Hass, Ekel, Ekel vor mir selbst. Abscheu. Und doch geh ich jedes Mal hin. Leg mich auf den Tisch, fühl seine Hände überall. Stell mir vor, es wäre ein übler Traum. Doch ich weiß, das ist es nicht. Es ist eine Wahrheit, es ist eine bittere Wahrheit und das Schlimmste: Es ist meine Wahrheit. Ganz allein meine. Fühle mich schmutzig, dreckig, wie eine Hure. Aber das bin ich nicht. Tief in meinem Inneren weiß ich es oder hab ich dieses Wissen verloren? Wieder dieser Ekel, Abscheu, verhalte mich ganz starr. Lass es über mich ergehen, kann nichts dagegen machen. Langsam weicht der Ekel, er weicht dem Hass. Aber nicht dem Hass gegen diese grapschende Hände, die überall sind, nein, dieser Hass ist gegen mich gerichtet. Ja, so ist es, ich hasse mich. Dafür, dass ich es jedes Mal über mich ergehen lasse, dafür, dass ich mich nicht wehren kann. Doch unter diesem abgrundtiefen Selbsthass ist mehr, noch mehr. Es ist… Es ist Angst. Furcht um meinen Körper, Furcht um meine Seele. Ganz schlicht und einfach Angst um mich. Alles so schutzlos, so verletzbar. Die nackte Haut, die nackte Seele. Angst mich selbst zu verliere, Angst etwas tief in meinem Inneren schon längst verloren zu haben. Etwas, dass es schützen gegolten hat. Vielleicht hat es schon „Klick“ gemacht, vielleicht ist es schon weg. Für immer verloren, dieses winzige Schützenswerte Quäntchen der Unschuld meiner Seele. Denn je tiefer ich in mich reinhöre, desto mehr erkenne ich meine Gefühle. Meine Seele leidet Schmerzen, sie leidet ob eines Verlustes. Oder sollte ich besser sagen wegen des Verlustes? Nicht nur dieses kleine Quäntchen Unschuld ist weg, nein, auch die Möglichkeit mich je wieder so zu lieben, wie ich es früher konnte, ist weg. Verschwunden, verloren, unwiederbringbar. Dann, dann ist es endlich vorbei – Doch bald fängt es wieder an. Habe Angst. Es ist mir klar, ich kann mich nicht wehren, bin zu schwach. Jedes Mal wird ich hingehen, unter Selbstzwang, werde es ertragen. Kann nichts sagen, schäme mich zu sehr. Die unterste Schicht meiner Gefühle: Scham. Gebe mir die Schuld, weiß aber, dass es nicht so ist. Trotzdem, muss es tun. Würde es je jemand erfahren… Meine Würde ist gebrochen, wurde mir genommen und doch beharre ich darauf. Darf niemandem etwas sagen, niemand darf es erfahren. Bitte lasst mir diesen letzten Rest der Würde.

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PS: Meine letzte Geschichte stammt übrigens aus dem letzten Jahr. Es gab einen Schreibwettbewerb an der Berufsschule. Mit dem Thema Alltag. In der Woche vor dem Abgabetermin ist meine Großmutter aus ihrer Wohnung ausgezogen. Etwas, das mir zu schaffen gemacht hat. Also… hab ich es in einer „Geschichte“ verarbeitet. Ich habe mich von der Wohnung schriftlich verabschiedet. Ihr werdet es kaum glauben: Es hat mir geholfen. Und mir den ersten Platz gebracht. Also… schreibt! Es kann euch Positives in vielerlei Weise bringen. Nicht immer muss Schreiben als Lebensretter wirken, manchmal kann es auch einfach nur befreiend sein.

 

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