Netzwerk – Robert Charles Wilson #rezension

Netzwerk - Robert Charles Wilson bei Heyne erschienen

Netzwerk. Ein Buch, das für mich tatsächlich etwas schwierig wurde. Ich versuche, den Titel so unvoreingenommen, wie es mir möglich ist, zu rezensieren, denn an sich ist Netzwerk ganz und gar kein schlechtes Buch.

Triggerzeit – aus dem Lesefluss geraten

Vorab vielleicht, was da los war: Ich habe friedlich Netzwerk gelesen und war auch total fasziniert, als plötzlich ein Nachname auftauchte. Es war nur einmal im ganzen Buch, aber das hat schon gereicht, um mich zu triggern. #falschescham hätte man hier auch als #falscheangst bezeichnen können. Danach habe ich eine Weile gebraucht, bis ich mich wieder aufraffen konnte, weiterzulesen. Und das obwohl mir klar war, dass der Name eine einmalige Sache war.

Deshalb also seht es mir nach, wenn ich vielleicht nicht mehr alles zu 100% zusammenkriege und vielleicht nicht so begeistert bin, wie ich es ohne diesen Triggermoment gewesen wäre.

Trotz allem: Netzwerk fasziniert.

Denn das Buch ist gut. Gar keine Frage! Es zeigt eine neue Art, wie ein Computersystem uns Menschen beeinflussen kann. Wer kennt sie nicht, die Suche nach Gleichgesinnten? Robert Charles Wilson treibt das bei Netzwerk auf die Spitze. Es gibt ein System, das Menschen klassifiziert und einer Affinität, einem Netzwerk zuordnet. Ein spannender Gedanke, oder? Für mich ist dieser Gedanke jedenfalls mehr als fesselnd gewesen! Daher war ich einfach nur neugierig, was das auslöst, was auf diese Klassifizierung folgen kann. Zuerst ist da diese Nähe in der entsprechenden Affinität. Diese wurde richtig gut transportiert. Ich konnte richtig spüren, wie Adam, unser bisher recht einsamer und zielloser Hauptcharakter, das Gefühl hatte, endlich anzukommen. Man merkte einfach, wie sein Leben sich mit Betreten des Netzwerkhauses sich verändert hat. Das hatte durchaus etwas von „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single bei Parship“ – nur eher in Richtung „Alle elf Minuten findet ein einsamer Mensch sein Netzwerk und seine neue Familie“. Denn das ist es, was eines dieser Netzwerke ist: die neue Familie.

Wie oft kommt es vor, dass man sich bei seiner leiblichen Familie wie ein Alien fühlt? Wie jemand, der adoptiert wurde? (Nur zur Info: Ich wurde definitiv NICHT adoptiert, das kann ich euch garantieren :P) Das ist bei den Netzwerken nicht der Fall, man bildet relativ schnell eine Einheit. Eine undurchdringbare Einheit. Der Mensch ist doch einfach trotz allem ein richtiges Herdentier und fühlt sich in einer Gruppe am Wohlsten. Das ist auch bei Adam der Fall. Er ist glücklich, er ist angekommen, er ist auch ein bisschen verliebt. Er hat sein Leben gefunden.

Ein Netzwerk für die Ewigkeit?

Natürlich – es ist nicht anders zu erwarten gewesen – gibt es einige Schwierigkeiten, die Adam bestehen muss. Die Auseinandersetzungen mit seiner leiblichen Familie, Gerüchten und Trubel rund um das Netzwerksystem und auch der ein oder andere politische Schachzug runden das Buch ab. Ich finde, dass Robert Charles Wilson jede Menge kluge Gedanken um den Mensch und sein Bedürfnis nach anderen Menschen und deren Verständnis in diesem Buch als absolut fesselnde und spannende Geschichte versammelt hat. Noch dazu stellt er eine Zukunft vor, die einfach genauso stattfinden könnte. Exakt so. Wie viele Portale gibt es mittlerweile, in denen einsame Menschen nach Gesellschaft suchen? Dass daraus eine Firma wie InterAlia entstehen kann, ist gar nicht so unwahrscheinlich.

Am Ende bleibt für mich übrigens doch ein kleiner Wermutstropfen in der ganzen Angelegenheit: Es muss ein spektakuläres Ende geben. Drama und bäm und überhaupt. Netzwerk ist zum Großteil ein sehr ruhiger Roman, der sich über mehrere Jahre hinweg spinnt. Ich empfand ihn als sehr unaufgeregt und das wiederum als äußerst angenehm. Zu spannend waren für mich diese Fragen nach dem Menschlichen und dem System der Affinitäten. Da war dieser Aufruhr am Ende sehr unerwartet und im Vergleich zum Rest des Buches fast schon anstrengend zu lesen.

Adam – Affinität als Heimat

Ja, Adam findet seine Heimat bei seiner Affinität, den Taus. Das Zusammenleben der Taus hat mich beeindruckt (und mir klar gemacht, dass ich sicher keine Tau wäre, wenn ich in Adams Zukunft existieren würde). Es ist aber nicht so, als würde er sein Denken komplett einstellen. Nein. Adam ist ein wunderbarer Charakter, denn er denkt nach und sieht, was in seiner Welt passiert. Das führt natürlich auch zu einigen interessanten Konflikten mit seinen Tau-Kameraden. Es verleiht dem Buch zugleich aber auch noch mehr Tiefgang.

 

Das Buch hat mich mit seinen klugen Gedanken, der fein ausgemalten Zukunft und dieser Realitätsnähe über viele erzählte Jahre hinweg einfach beeindruckt.

 

Autor: Robert Charles Wilson
Übersetzer: Friedrich Mader
Verlag: Heyne
Erschienen: Juni 2017

Mein Dank geht an den Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar.

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