Über Kontrolle und Kontrollverlust – #falschescham

TV

Kontrolle. Kontrolle und Kontrollverlust. Das ist der Punkt, der mich seit meinem erlebten Missbrauch immer wieder begleitet. Ich muss sagen, ich weiß nicht, ob ihr diesen Text jemals lesen werdet, denn das würde bedeuten, ich gebe etwas von meiner Kontrolle ab. Dennoch sitze ich hier und schreibe darüber, denn es ist ein wichtiges Thema. Für mich.

Sexueller Missbrauch ist Kontrollverlust

Sexueller Missbrauch ist mehr als nur die schon beschriebene Scham. Es bedeutet Kontrollverlust. Ja, natürlich muss ich jetzt wieder an die Richterin denken, die damals zuerst meinen Fall unter sich hatte und ihre Fragen: „Warum haben Sie sich nicht gewehrt und nichts gesagt?“ Da sind wir dann wieder bei dieser scheußlichen falschen Scham. Doch letzten Endes hängt alles mit der Kontrolle zusammen. Er hatte damals die Kontrolle über die Situation. Ich war in diesem Moment machtlos. Ich kann mich gerade nicht erinnern, ob ich euch erzählt habe, dass es ein Akupunkteur war. Aber ihr kennt Akupunktur, ihr kennt die Nadeln. Sich zu wehren, während gleichzeitig ein gutes Dutzend Akupunkturnadeln in einem stecken, ist nicht leicht. Ich hatte keine Kontrolle in diesem Moment. Und das Gefühl wird mich mein Leben lang begleiten.

Von Disziplin und Selbstkontrolle

Wenn ihr mich anseht, denkt ihr das vielleicht nicht, aber ich bin ein disziplinierter Mensch. Nicht wenn es um Sport geht, aber ich muss dank Lebensmittelallergien schon da eine gewisse Disziplin an den Tag legen. Ich bin, wenn es um die Arbeit geht, immer konzentriert und ziehe meine To-Do-Liste durch. Ja, ich bin diszipliniert. Selbstdisziplin bedeutet aber zugleich auch Kontrolle. Über mich und meine Taten, über meinen Tag. Ich habe tatsächlich Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Einerseits weil es mich zum Beispiel beim Essen durchaus auch mal ins Krankenhaus bringen könnten, andererseits weil ich nicht weiß, was mich erwartet, wenn ich die Kontrolle dann abgebe. Ich möchte alles möglichst richtig machen und ja, ich habe Angst davor, Fehler zu machen. Ich würde mich nicht als Perfektionisten bezeichnen, aber… letzten Endes bin ich es wohl doch. Wisst ihr, dass ich selten meine eigenen Texte noch mal lese, weil ich dann nur sehe, was noch besser gemacht werden kann? Es kann passieren, dass ich stundenlang grübel, ob ich einen Fehler gemacht habe oder nicht. Auch noch nach Jahren kommen mir manchmal Gespräche in den Sinne und ich frage mich, ob ich etwas hätte besser machen können. 1:0 für die Angst vor dem Kontrollverlust.

Chimiko = kein offenes Buch

Viele Leute denken, sie kennen mich und meine Gefühle, aber auch das ist ein Trugschluss. So leicht einzuschätzen bin ich dann doch nicht 😉 Es gibt einige wenige Menschen, die mein volles Gejammer und auch so manche Selbsterkenntnis (wie zum Beispiel dieser hier) abbekommen. Aber ich kontrolliere, was ich dem Rest erzähle. Das gilt auch für meine Gefühle. Ich habe euch schon erzählt, dass Weinen wichtig für mich geworden ist. Das ist eine Möglichkeit, tatsächlich mal etwas von meiner Kontrolle abzugeben. Daher liebe ich es irgendwie, wenn ich ein Buch lese und einfach weinen kann. Es tut mir gut. Ich bin nicht gut in Wut oder sonstigen Wegen, meine Gefühle auszudrücken. Ihr ahnt es sicher schon, warum? Ja. Das ist so eine Sache, diese Selbstkontrolle.

Die Angst vor dem Kontrollverlust heißt übrigens nicht, dass ich nicht gerne Arbeit abgebe oder Hilfe annehme. Gerade ersteres mach ich sogar gerne, wenn ich sehe, dass ich einfach zeitlich an meine Grenzen bei der Arbeit gerate 😉 Immerhin behalte ich da die Kontrolle über das, was ich abgebe. Auch gegen Hilfe habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Ich lass mich auch lieber fahren, als das ich fahre. Nur mal so angemerkt. Das ist nicht das, was meiner Kontrolle bedarf. Lieber gebe ich Arbeit ab, als dass ich sie nicht richtig ausführen kann.

Die Kontrolle abgeben ist gar nicht so leicht

Manchmal sollte ich es mir doch leicht machen und die Kontrolle abgeben. Wie zum Beispiel mit diesem Blogpost, oder? Ich war hier ehrlich und kann nicht steuern, was ihr über mich denkt. Es gibt ja auch deutlich Schlimmeres als einen eigentlich recht disziplinierten Menschen (ja, die Sache mit dem Sport…). Und Perfektionismus ist in Maßen auch gut. Warum also fällt es mir so schwer, euch das hier wirklich zu zeigen? Weil es eine andere Art ist, sein Inneres zu „entblößen“. Ich muss euch sagen: So eine Gerichtsverhandlung ist dafür auch nicht förderlich, denn man zeigt sich und es kann doch passieren, dass die Leute einem nicht glauben. Oh, der größte Witz dabei ist in Zusammenhang mit diesem Blogbeitrag ganz eindeutig, dass ich zu kontrolliert war im Gerichtssaal. Und im Glaubwürdigkeitsgutachten. Aber das ist eine andere Geschichte, ein andere Blogbeitrag.

Es ist so eine Sache mit der Kontrolle und der Angst davor, sie zu verlieren. Ich habe jetzt elf Jahre gebraucht, um mir darüber klar zu werden, dass der sexuelle Missbrauch da definitiv seinen Teil dazu beigetragen hat, dass ich gerne den Überblick behalte. Jetzt muss ich nur noch lernen, dass es okay ist, auch mal dazu zu stehen, dass ich da nicht so gut drin bin. Dass ich vielleicht mal über meine Gefühle rede und zwar nicht halbherzig. Und das ist ein Shoutout an alle, die sich jetzt denken, dass sie wissen, was ich empfinde und was das mit mir macht – glaubt mir, das ist alles fein selektiert. Ihr habt keine Ahnung. Denn so ist das mit einem kontrollierten Menschen: Er hat alles über sich im Blick.

Okay, ihr seid hiermit Zeugen des ersten Schritts, auch mal die Kontrolle bewusst abzugeben, denn ihr lest diesen – vermutlich mal wieder wirren (ich sag ja, ich bin nicht so in diesen Gefühlssachen) – Blogbeitrag. Mein Puls wird rasen, aber ich werde auf Veröffentlichen klicken. Und inmitten der OMG-Panik bin ich dann auch ein kleines bisschen stolz.

Weitere Posts zum Thema

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.