Schule ist gar nicht so leicht [#falschescham]

#falschescham, die Dritte. Ich habe ein Weilchen überlegt, bis ich wusste, worüber ich dieses Mal schreiben werde. Dann kam mir der Zufall zuhilfe – manchmal kann es so einfach sein 😀
Vor zehn Jahren habe ich mein Abitur gemacht. Wow, zehn Jahre ist das jetzt schon her! Und der Zufall war eine Mail in Form einer Einladung zu einem Treffen zum zehnjährigen Jubiläum. Ja, was hat denn das nun mit #falschescham zu tun?

Schule und Missbrauch

Relativ viel. Mein Missbrauch fand während der Schulzeit statt. Vier lange Jahre habe ich die Schule besucht, relativ erfolglos versucht, völlig normal zu sein, und das über mich ergehen lassen. Kein halbes Jahr vor dem Abitur habe ich dann zu meiner Mutter gesagt: Ich gehe da nicht mehr hin.
So. Jetzt hatte ich mit einer Freundin über das Treffen geschrieben und dann hat sie gemeint, dass es schon toll ist, sich an die Schulzeit zu erinnern. Nur… ich erinnere mich kaum daran! Wenn ihr mich nach der Schule fragt, dann kann ich euch das Gebäude beschreiben und unsere Klassenzimmer. Vielleicht noch den ein oder anderen Lehrer, der mehr Eindruck hinterlassen hat, egal ob nun positiv oder negativ. Aber ansonsten habe ich einfach praktisch keine Erinnerung. Ich war zu der Zeit so sehr mit mir selbst beschäftigt, u.a. auch damit, dass ich weiterlebe, dass die Schule unwesentlich für mein Hirn war.
Vermutlich könnte mir eine ehemalige Klassenkameradin begegnen und mir vielleicht sogar den Namen nennen, aber es würde nicht klick machen. Ich erinnere mich weder an Namen noch Aussehen. Die wenigen, an die ich mich erinnere, mit denen bin ich auch auf Facebook vernetzt. Alle darüber hinaus… tja… ausgelöscht. Wobei, mal abgesehen von dem eigentlichen Thema: Leute, die einem Oberfeldwebel Rotbraue als Kommentar in das Abibuch schreiben, an die muss man sich eigentlich nicht erinnern. Nur mal so ein kleiner Kommentar am Rande.
Ist Verdrängung nicht etwas absolut Faszinierendes? Und Beängstigendes? Alles, an was ich mich erinnere, ist tatsächlich… Dunkelheit. Diese Zeit war beklemmend, es war wirklich keine Sternstunde. Das war die Zeit, in der ich mich niemandem anvertraut habe und alles mit mir selbst abgemacht habe. Ich war einsam. Ich war auch kein leichter Charakter, was sich irgendwie von selbst versteht. Ich habe wohl definitiv Leute abgestoßen, um sie zu testen, ob sie wirklich zu mir stehen. Ja, in dieser Zeit fühlte ich mich sehr allein. Immerhin war ich auch ein Teenager. Teenager und sexueller Missbrauch? Was soll ich sagen? Teenagerprobleme hätten mir gereicht.
Die Dunkelheit habe ich irgendwann auch nach außen getragen. Ich habe angefangen mich etwas im Goth Style zu verstecken. Zu eurer Info: Das hat nicht wirklich gut funktioniert. Dunkelheit im Herzen, Dunkelheit im Außen. Das waren wirklich finstere Zeiten.
Das Einzige, was mir gut tat und half, waren Manga und Fanfiction. Wenn ich schreiben konnte, dann konnte ich mich wegdenken. Der unweigerliche Weg Richtung Cosplay, oder? Vermutlich war meine erste Fanfiction deshalb auch ein Self-Insert. Sehr peinlich… aber hey, es hat mich zum Schreiben gebracht und das Schreiben hat mich letzten Endes aus der Situation geholt. Nur… das wird noch Thema eines anderen Beitrags.

Und die Lehrer?

Heute dreht es sich um die Schule. Hat jemals ein Lehrer etwas gemerkt oder gesagt? Nein. Alles, was bei Elterngesprächen Thema war: Die Regina, die kann es eigentlich, sie ist einfach nur faul. Wenn sie wollte, dann…
Was dann? Dann hätte ich vermutlich ein Einser-Abitur geschrieben. Ja. Aber es ging nicht. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte nicht gekonnt. Diese Dunkelheit in meinem Herzen war anstrengend, sie hat mich oft ausgelaugt und demotiviert. Ich bin immerhin – meistens – zur Schule gegangen. Das war schon Aufwand genug. Auch noch etwas für die Schule tun? Ich hätte es gar nicht gekonnt.
Als ich das jetzt gerade geschrieben habe, habe ich mich gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wenn ein Lehrer mich gefragt hätte, ob alles okay wäre. Wenn ein Lehrer über dieses Allgemeine hinausgegangen wäre. Hätte ich mich ihm anvertraut? Nein. Natürlich nicht. Ich war nicht bereit dafür und vor allem war ich von dieser falschen Scham geplagt. Ein schwieriges Thema, das sicher auch noch seinen eigenen Beitrag verdient hat. Als Teenager, als Heranwachsender in einer sexuell schwierigen Zeit (und in einer Mädchenschule) – da hätte ich mich sicher keinem Lehrer anvertraut. Deshalb ist die nächste Frage eigentlich auch nichtig: Ja, als Lehrer sollte man eigentlich ein Feingefühl für seine Schüler haben. Aber das sagt sich leichter als es ist.

Erkenntnisse über Erkenntnisse

Wow. Mal wieder eine neue Erkenntnis durchs Schreiben gewonnen. Da kam diese Einladung zur rechten Zeit. Die Schule war nicht als Schule für mich wichtig. Es war einfach nur der Zeitraum, in dem ich mit mir selbst zu kämpfen hatte. Mit meinen Depressionen, damit, den Mut zu finden, mich aus dem Missbrauch zu lösen. Okay, ich hab nebenbei tatsächlich noch das Abi bestanden. Aber irgendwie ist das nebensächlich. Und vielleicht erinnere ich mich genau deshalb nicht mehr an die Schule. Sie war nicht wichtig. Die meisten Leute waren nicht wichtig (Ausnahmen bestätigen die Regel…). Sie war der Rahmen, in dem ich meinen Weg finden musste.

Und das Fazit?

Das Fazit? Leben und sexueller Missbrauch ließ sich nicht vereinbaren. Ja, ich hatte Hobbies, ich habe Sport gemacht, aber auch das habe ich dann aufgehört, weil es einfach nicht mehr ging. Mir hat die Energie dazu gefehlt. Genauso wie für die Schule oder intensive Freundschaften. All meine Energie habe ich darauf verwendet, weiterzuleben. Ich finde, dass das ja schon beachtlich genug ist. Und dann habe ich auch noch das Abi bestanden – mit der Note kann ich in Hinblick auf alles, was damals passiert ist, auch leben.
Ein weiteres Fazit? Verdrängung ist eine ziemlich mächtige Waffe, manchmal funktioniert sie zu gut. Aber ich habe die Schule auch deshalb aus meinem Gedächtnis gelöscht, weil diese Zeit einfach insgesamt zu negativ behaftet ist. Ich kann mich nicht an die Schule erinnern, weil ich mich dann auch an das, was mir passiert ist, erinnern müsste. Da ist der Verlust einer mittelmäßigen Schulzeit mit einer mittelmäßigen Klasse auch nicht ganz so tragisch. Ich sehe es als Selbstschutz.

Depression abzugeben – Uwe Hauck [Rezension]

Depression abzugeben

Für die Rezension heute lasse ich mal die übliche Form weg. Ich bin einfach zu geflasht von Depression abzugeben. Danke Uwe, dass du dieses Buch geschrieben hast und uns an deiner Geschichte teilhaben lässt. Ich empfand dich schon auf Twitter als Inspiration. Daher wollte ich Depression abzugeben auch unbedingt lesen. Es hat jetzt etwas länger gedauert, bis ich dazu kam – zuerst habe ich es in keiner Buchhandlung, in der ich war, gefunden. Dann kam das Leben dazwischen. Aber jetzt habe ich es geschafft und ich wollte es absolut nicht aus der Hand legen. Ich habe jedes Wort aufgesogen und es sind jede Menge kluge Worte darin enthalten.

Depression abzugeben
Depression abzugeben

Eigentlich schreibe ich zu persönlichen und ungewöhnlichen Büchern nicht gerne Rezensionen. Gerade wenn es mich einfach so mitgenommen hat (im positiven Sinne…). In vielen Punkten habe ich ein paar meiner Gedanken wieder erkannt und dachte nur: Ja. Genau das!

Allgemein fand ich schon immer, dass Uwe Hauck sehr kluge Worte twittert. Hier sind sie in einem Buch versammelt. Ich möchte das Buch am Liebsten direkt nochmal durchlesen und dieses Mal mit Marker und Klebezettelchen in der Hand. Andererseits… dann wäre das Buch ziemlich gelb. Zu viele Sätze, die mich bewegen und die ich einfach wunderbar finde. Nicht, dass das schlecht wäre. Ganz im Gegenteil!

Inspiration & Einblick zugleich

Für mich war das Buch nicht nur eine Inspiration, ich habe mich in einigen seiner Verhaltensmuster wiedererkannt. Es gab Momente, in denen ich einfach nur dachte: Genauso ging es mir/empfand ich auch. Das war teils erschreckend, denn nicht immer sind diese Momente schön, sondern eher bedrückend. Aber es ist wichtig, dass man als Betroffener sieht, dass man nicht allein ist. Und es ist wichtig, dass die nicht Betroffenen den Hauch von Ahnung kriegen, wie es in einem aussieht. Es ist einfach wichtig, dass dieses Thema angesprochen wird!
Es ist ein Buch, das einem die Augen öffnen kann, wenn man sich darauf einlässt. Mich hat es aber zeitgleich auch dazu inspiriert, jetzt einen neuen Weg im Umgang mit meiner Vergangenheit zu gehen. Ich hab ja schon lange darüber nachgedacht, aber dank Uwes tollen Worten habe ich mich entschlossen, das wirklich durchzuziehen. Dafür bin ich wirklich dankbar.
Eigentlich ist das ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herzen legen möchte. Es enthält so viel Wichtiges. Es ist wunderbar geschrieben. Und es zeigt, dass eine Depression nun mal kein Beinbruch ist. Lasst euch auf das Buch ein, lest es und verbreitet es. Das Buch hat es verdient.

 

Ich verliere jetzt keine weiteren Worte, ihr müsst euch einfach selbst davon überzugen lassen. Und hier könnt ihr es kaufen: Bastei Lübbe

Los. Geht es kaufen! Hopp, hopp!

Warum ich wirklich cosplaye [#falschescham]

Warum cosplayst du?

Die Frage habe ich jahrelang nicht ganz ehrlich beantwortet. Weil es mir Spaß macht, weil ich es spannend finde, ein Kostüm entstehen zu lassen, weil ich die KuraiOfAnagura kenne (ehrlich, ohne sie wäre ich gar nicht in die Szene gekommen!). Das stimmt alles irgendwo, aber es sind nur Halbwahrheiten.

Die erste Convention

Habe ich euch jemals von meiner ersten großen Convention erzählt? Das war die AnimagiC 2007 in Bonn. Ich hatte damals nur ein Ticket für Samstag. Es war gerade ein halbes Jahr her, dass ich mich aus dem Missbrauchsloch gekämpft hatte und allein wäre ich nicht gefahren. Meine Mutter war mit dabei. Unser Hotel war eigentlich gar nicht so weit entfernt von der Convention. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter den ganzen Nachmittag aus dem Fenster hing, um Cosplayer zu beobachten.
Bei mir hingegen stieg die Nervosität an. Ich hatte unglaublichen Schiss. Ich fühlte mich in meinen Klamotten nicht wohl, ich fühlte mich fehl am Platz. Einmal über den Vorplatz laufen? Habe ich mich nicht getraut. Erst abends, nachdem ich beim Griechen einen Begrüßungsouzo, eine Ouzoplatte und einen Abschiedsouzo hatte, hat meine Mutter es geschafft, dass ich über die AnimagiC laufe. Aber ich habe mich total unwohl gefühlt.
Am Samstag war ich dann dort, ich war drin. Aber um ehrlich zu sein: Ich erinnere mich noch kaum an die Con. Keine Ahnung, was ich da letztlich gemacht habe, das ist alles weg. Geblieben ist nur dieses Angstgefühl und dieses Außenseitergefühl. Und der Gedanke, dass das alles anders gewesen wäre, wenn ich ein Cosplay getragen hätte.

Der Moment

Das war der Moment, in dem ich wusste: Ich werde ein Cosplay tragen. Hätte mir jemand gesagt, dass ich 2017 meine Kostüme selbst nähe, ich hätte herzhaft gelacht. Zwar hatte ich 2007 eine Nähmaschine geschenkt bekommen, aber es hat niemand von uns geglaubt, dass Lysop (meine Nähmaschine) und ich nach zehn Jahren eigentlich ganz gute Freunde geworden sind.
Shikamaru Cosplay
2008 war dann meine zweite Convention mit meinem ersten Cosplay: Shikamaru aus Naruto. Es ist ziemlich kennzeichnend, dass es keine Frau war, oder? Ich bin vom Aussehen her wirklich nicht der Typ für männliche Cosplays. Daher habe ich damit aufgehört. Aber in dieser Zeit war ich gar nicht in der Lage zu meiner Weiblichkeit zu stehen. Denn das hat nicht zu dem, wie ich mich gefühlt habe, gepasst. Ganz im Gegenteil: Ich wollte mich verstecken und zwar mein Dasein als Frau. Das wird mir jetzt gerade in diesem Moment, in dem ich diesen Text hier schreibe, bewusst. Wow. Was für eine eigentlich logische Erkenntnis. Mein erstes Cosplay musste ein Kerl sein – es hat nicht geschadet, dass es ein verdammt cooler Typ war. Und die mir-doch-egal-Attitüde auch nicht! Ich glaube, ich sollte mal darüber schreiben, warum ich welchen Charakter ausgesucht habe. Da lerne ich noch mehr über mich selbst. Aber zurück zum Thema…
Ich cosplaye also nur, weil ich mich endlich irgendwo dazugehörig fühlen wollte. Schräg, oder? Meinem schwachen Selbstbewusstsein ist es zu verdanken, dass ich heute bin, was ich bin. Das war zumindest meine Anfangsmotivation. Es halt auch, dass ein Cosplay ja nichts anderes als eine Maske ist. Eine sichtbare Maske, das ist doch mal eine Abwechslung zu den anderen Masken, hinter denen ich mich sonst versteckt habe. Das war dann der Moment, in dem ich wirklich zur Cosplayerin wurde. Hinter diesen Masken konnte ich mal jemand anderer sein und mich aus meinem Alltag befreien.

Die Freiheit des Cosplays

Ein Cosplay bedeutet Freiheit von den Gedanken, die einen sonst bedrücken, man kann sich komplett in jemand anderen verwandeln. Das ist das, was ich am Cosplay liebe. Ich kann mich zurücklassen und meine Probleme, meine Ängste, meine Sorgen, meine Vergangenheit. Obwohl ich sagen muss, dass ich auch im Cosplay Sorgen habe: Bin ich zu dick, sehe ich doof aus, wird alles halten, steht mir der Charakter überhaupt? Das Übliche halt, das wohl jeder kennt, oder? Aber trotzdem ist Cosplay Befreiung für mich. In der Regel sind das die einzigen Momente, in denen ich mal nicht zu viel denke, sondern einfach Spaß habe. Im Zuvieldenken bin ich nämlich großartig. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Perücken meinen Riesenschädel so einengen, aber egal wie, es tut einfach gut.
Angggel Lily Cosplay
Übrigens merke ich das auch bei Bildern von mir selbst: Ich finde mich auf Bildern ohne Kostüme noch immer nicht wirklich hübsch und habe da starke Selbstzweifel. Dank meiner lieben Arii habe ich aber gelernt, mich auf Bildern mit Cosplay hübsch und toll und geil zu finden! Sie macht einfach immer so tolle Bilder von mir.
Unser erstes gemeinsames Shooting war Lily. Das waren auch die ersten Cosplaybilder von mir, bei denen ich mich richtig hübsch fand. Cosplay ist eben eine andere Rolle – wenn frau sich hinter der Maske versteckt, kann sie sich auch hübsch finden. Ich habe da echt noch einiges vor mir. Aber ich bin auf dem richtigen Weg!
Ich bin auch trotz allem selbstbewusster geworden. Ich habe kein Idealgewicht (das ist ein anderes Thema, das ich sicher irgendwann auch mal ansprechen werde), aber durch das Cosplay habe ich gelernt, mich trotzdem zumindest größtenteils zu akzeptieren wie ich bin. Wenn ich nicht cosplayen würde, würde ich heute vermutlich nicht hier sitzen und bloggen. Wow. Verrückt. Obwohl ich das gar nicht schreiben wollte: Ich würde vermutlich Säcke statt Klamotten tragen und mich dahinter verstecken. Mein Haar wäre sicher nicht quietscheorange, schminken… davon will ich gar nicht erst anfangen! Cosplay hat mir Selbstbewusstsein beigebracht – obwohl da immer noch Verbesserungspotenzial ist. Aber es war ein Anfang, der wichtig war.

Cosplay kann auch Egoismus heißen

Das klingt jetzt seltsam, aber es ist gut, dass die Cosplayerszene viele Egoisten hat.Evergreen Chimiko Viele Selbstdarsteller, die sich selbst am Wichtigsten sind. Ich könnte euch da so einige Beispiele nennen, aber dann finde ich kein Ende. Oh, oh, ich bin böse! Und gemein… aber es ist nun mal so. Die Selbstdarsteller und Egos sind vielleicht nicht hilfreich im klassischen Sinne. Aber um zu bestehen, muss man das auch ein bisschen abkönnen und sich selbst durchaus etwas in die Richtung erarbeiten. Man braucht gesunden Egoismus, um zu cosplayen! Trotzdem nerven mich die Egoisten, die sich nur um sich selbst kümmern und einfach nur wollen, dass sie im Rampenlicht stehen und tolle Bilder kriegen. Gott, ich kenne da viel zu viele Beispiele, wie mir gerade auffällt.
Also: Ja, das Nähen macht mir schon Spaß (meistens). Zu sehen, wie ein Charakter entsteht, ist grandios! Aber Cosplay bedeutet für mich Freiheit. Selbstbewusstsein. Mich hübsch zu finden. Einfach mal loslassen zu können. Nicht immer ich sein zu müssen.
Trotzdem merke ich noch heute, dass ich in einigem Nachholbedarf habe: Ich bin immer noch zu schüchtern, um Leute anzusprechen. Ich fühle mich nicht gut genug, von Fotografen fotografiert zu werden. Ich finde nicht, dass ich eine gute Cosplayerin bin. Uff. Ihr wolltet also nicht wissen, wie ich ohne Cosplay wäre! Da habe ich noch ein gutes Stückchen Weg vor mir, aber ich arbeite dran. Das ist das Beste, was ich machen kann 😀

Verdrängung, fehlende Worte und ein ganz anderer Beitrag als sonst.

Ich hatte es auf Twitter schon angesprochen, mir brennt da ein Text auf der Seele. Ich überlege schon lange, ob ich mich wirklich traue, das Thema auch auf meinem Blog anzusprechen. Oder besser gesagt: Das Thema überhaupt anzusprechen. Ganz ehrlich, beim Gedanken daran zittere ich am ganzen Körper. Aber gleichzeitig möchte ich es endlich loswerden. Wenn ich blogge, versuche ich da humorvoll heranzugehen. Auf Twitter merkt man schon eher mal, wenn es mir nicht gut geht. Dann kommen Phasen, in denen ich kaum etwas poste oder überwiegend auf meinem geschlossenen Account. Ich gehöre zu denen, die immer wieder von Depressionen überrollt werden. Aber das ist nicht einmal das Hauptthema dieses Blogeintrags. Die Depression hat ihren Grund und DAS ist das Thema.
Eins sage ich euch, während ich hier tippe, habe ich keinen Kloß im Hals, sondern Steine im Magen. Und genau das ist mit ein Grund, dass ich hier überhaupt sitze. Das sollte nicht sein, das darf nicht sein. Ich wurde sexuell missbraucht – und was ist? Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich. Aber das sollte ich nicht. Das sollte niemand. Wer jetzt Details befürchtet: Keine Sorge. Das mache ich mit mir selbst aus – das ist nichts, was im Internet breitgetreten werden sollte. Nur so viel sei gesagt: Eine Polizistin sagte bei meiner Aussage dort zu mir, dass hier schon der Tatbestand einer Vergewaltigung vorliegen würde. Aber das werde ich nie so ausdrücken, da kommt die Verdrängungstaktik zum Einsatz.Verdrängen kann ich nämlich gut. Mein Spezialgebiet.
Aber warum schreibe ich hier gerade überhaupt? Weil das, was mir passiert ist, sich auch in meinem Charakter widerspiegelt. Und weil ich darüber sprechen will, warum ich bin, wie ich bin. Warum ich manchmal abtauche, warum mir Treffen in der „Realität“ schwerfallen, warum ich mich mit Beziehungen schwer tue, warum ich mich langweilig und unwichtig finde, warum ich manchmal einfach Angst habe. Ich will aber auch kein Mitleid, ich kämpfe mich durch und ich gehe meinen Weg. Da muss ich auch wirklich sagen: Dank meiner Mutter. Wer keine starke Person an der Seite hat, die einen stützen kann, der tut mir wirklich leid.
So. Wow. Ich habe es geschrieben. Aber da ist noch mehr in mir, da ist so viel, dass ich gar nicht weiß, womit ich jetzt weitermachen soll. Ich fühle mich gerade wie eine Schleuse, die gerade geöffnet wurde, oder ein Damm, der die Flut nicht mehr halten kann.
Jetzt vielleicht doch noch ein paar harmlose Fakten: Es war keine kurze Zeit. Ich habe nicht nur Anzeige erstattet, sondern war auch (erfolglos) vor Gericht – tja, ich kann euch nicht empfehlen, beherrscht dahinzugehen, das wird gegen euch ausgelegt, aber ich bin einfach nicht der Typ, der vor anderen weint und schluchzt, egal wie mies es mir geht. Ich hatte einen wunderbaren Psychologen, der mich auf diesem Weg begleitet hat. Und natürlich meine Mutter immer an der Seite. Ohne sie würde ich nicht mehr leben.
An den Tod habe ich oft gedacht, ich stand auch durchaus kurz davor, meinem Leben ein Ende zu setzen. Als ich das unter Kontrolle hatte, war da manchmal aber immer noch die Frage, ob es nicht leichter gewesen wäre, wenn ich dem Drang nachgegeben hätte. Man, dafür schäme ich mich auch, aber man hat sich in diesen Moment nicht unter Kontrolle. Die Depression kontrolliert
einen. Diese Gedanken haben in dieser Zeit einfach zu mir gehört, ich konnte ihnen nicht entkommen.
Aber ich möchte euch eigentlich nicht mein Leid klagen. Ich möchte einfach nur über ein Tabu sprechen, ein Tabu, das so nicht sein sollte. Ich habe aktuell einen wunderbaren Job, nicht viele, aber dafür hervorragende Freunde, die ich nicht mehr missen möchte. Mir geht es soweit ganz gut. Ja, ganz gut, denn das ist etwas, das mich nie mehr loslässt. Ich habe damals in dieser verdammt beschissenen Zeit mein Abi gemacht, habe studiert und den B.A. of Arts bestanden, bin Buchhändlerin geworden und bin jetzt in München. In der ein oder anderen Sache gibts noch Optimierungsbedarf 😉 Aber ich bin zufrieden.
Trotzdem gehört das, was geschehen ist zu mir dazu – so ähnlich wie mein Name an der Tür. Ja, der war schlecht, aber zutreffend. Ich bin oft sehr ruhig und zurückhaltend, ich bin kein auf-den-Tischen-Tänzer, ich schreie nicht immer gleich hier, aber das muss ja auch nicht sein. Meine Ruhe schätze ich, bei zu viel Trubel brauche ich Zeit, um mich zurückzuziehen. Ich bin sicher nicht einfach, weil viele mich nicht einschätzen können. Es gab mal jemanden, der hat mich als verbittert bezeichnet, ein anderer als distanziert. So bin ich einfach, ich brauche meine Zeit, bevor ich auftaue. Okay, verbittert bin ich wirklich nicht… also ehrlich mal. Bei so Leuten denkt man sich nur, dass die sich mal an die eigene Nase fassen sollten, oder etwa nicht?
Mein Blog ist eine Fassade. Eine Maske, wenn man so will. Mein Humor ist durchaus auch Selbstschutz, aber trotzdem ist das hier alles ein Teil von mir. Ich bin mehr als verletzt worden, da lässt man auch nicht jeden hinter die Mauer, die man aufbaut. Manchmal fühle ich mich auch echt hilflos, weil ich da einfach schlecht drin bin. Ich würde gerne mehr Menschen treffen, aber ich bin eine kleine Mimose: Wenn ich es versuche und dann klappt es nicht, dann ziehe ich mich wieder total zurück. Was das mit dem ganzen Beitrag hier zu tun hat? Das ist ein weites Feld… Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Ich nehme mir Absagen und Verletzungen zu Herzen und die begleiten mich lange. Sehr lange. Nur ein Beispiel (natürlich ohne Namen!): Während der Verhandlung hätte ich einen Freund brauchen können. Es gab jemanden, dem ich zu hundert Prozent zugetraut hätte, für mich da zu sein. Ich habe vorher nie um Unterstützung gebeten, denn darin bin ich echt schlecht. Da bin ich über meinen Schatten gesprungen. Es war mein erster Versuch, jemand anderen darum zu bitten, für mich da zu sein. Ist natürlich schief gegangen. Die Person könne nicht für jeden da sein, sie hätte an dem Tag schon jemanden stundenlang mit seinen Problemen geholfen. Tja, mir fällt das ja eh schon schwer, aber ich sags euch: So etwas verbessert die Situation nicht. Gerade so ein harscher Ton. Das ist bald fünf Jahre her und ich knabbere immer noch daran. Ich bin halt Steinbock 😉
Was ich eigentlich sagen möchte: Es gibt alles ein großes Bild, das zusammenhängt. Es gibt viele kleine und große Bausteine, die einen Menschen zu dem machen, was er ist. Und dann gibt es so Bausteine, die die Gesellschaft nicht sehen will. Die heute noch Tabus sind.
Es gab damals auch Zeitungsartikel über die Verhandlung. Mein Name kam nie darin vor, ich habe keine Interviews gegeben, der Täter schon. Eines Tages saß ich in der Bahn, vor mir zwei Frauen, die sich über meinen Fall unterhalten haben. Sexueller Missbrauch auf dem Land – Sensation! Nur… wurde der Täter bemitleidet. Der arme Kerl. Ich würde ihn nur ruinieren wollen,
seinen Ruf schädigen. Ja, das war das, was er der Zeitung sagte. Sexueller Missbrauch kann einfach nicht sein, das passte nicht in das Bild des friedlichen Dorfambiente. Heute denke ich mir: Ich hätte etwas sagen sollen. Ich hätte mich wehren sollen. Ich hätte mich in vielerlei Hinsicht wehren sollen. Aber ich konnte nicht. Ich saß da wie gelähmt. Mich zu offenbaren, dass ich die Klägerin und somit das Opfer war? Neverever. Warum? Da sind wir wieder bei dem Eingangsproblem: Weil ich mich verdammt nochmal schämte.
Selbst vor Gericht wurde mir Scham eingeredet! Ich hatte eine Richterin (zuerst), die mich fragte, warum ich nichts gemacht habe? Im Prinzip habe ich die Schuld zugesprochen bekommen. Ich hätte mich wehren sollen. Ja, das ist wohl wahr, aber liebe Richterin, das hätte ich sagen sollen, stellen Sie sich vor, Sie sind in dieser Situation. Ausgeliefert. Das ist gar nicht so leicht, wie es klingt. Ehrlich nicht. Aber deshalb solle ich doch kein schlechtes Gewissen habe. Ich bin doch nur in diese Situation geraten.
Ich hatte Pech, dass es ausgerechnet mich erwischt hat. Aber auch wenn ich die Situation nicht auflösen konnte (ich war übrigens ein Teenager… eh noch
unsicher, also…), ich habe ein paar Jahre später den Schritt zur Anzeige gewagt. Weil ich nicht wollte, dass noch mehr Leute das erleiden müssen. Muss ich mich also schämen? Nein. Ich habe den Weg aus dieser verdammten Scheiße gefunden. Nein. Ich habe mich zurück ins Leben gekämpft. Nein. Ich habe Anzeige erstattet und vor Gericht gegen ihn gekämpft.
Ja, im Nachhinein hätte ich einiges anders machen können, aber es ging nicht. Ich habe das gemacht, was mir möglich war. Und jetzt gehe ich den nächsten Schritt auf meinem Weg: Ich schreibe diesen Text. Sexueller Missbrauch ist ein Tabuthema, über das man nur selten spricht, und wer steht schon gerne dazu, dass er missbraucht wurde? Aber verdammt nochmal, ich wurde
missbraucht.