Schule ist gar nicht so leicht [#falschescham]

#falschescham, die Dritte. Ich habe ein Weilchen überlegt, bis ich wusste, worüber ich dieses Mal schreiben werde. Dann kam mir der Zufall zuhilfe – manchmal kann es so einfach sein 😀
Vor zehn Jahren habe ich mein Abitur gemacht. Wow, zehn Jahre ist das jetzt schon her! Und der Zufall war eine Mail in Form einer Einladung zu einem Treffen zum zehnjährigen Jubiläum. Ja, was hat denn das nun mit #falschescham zu tun?

Schule und Missbrauch

Relativ viel. Mein Missbrauch fand während der Schulzeit statt. Vier lange Jahre habe ich die Schule besucht, relativ erfolglos versucht, völlig normal zu sein, und das über mich ergehen lassen. Kein halbes Jahr vor dem Abitur habe ich dann zu meiner Mutter gesagt: Ich gehe da nicht mehr hin.
So. Jetzt hatte ich mit einer Freundin über das Treffen geschrieben und dann hat sie gemeint, dass es schon toll ist, sich an die Schulzeit zu erinnern. Nur… ich erinnere mich kaum daran! Wenn ihr mich nach der Schule fragt, dann kann ich euch das Gebäude beschreiben und unsere Klassenzimmer. Vielleicht noch den ein oder anderen Lehrer, der mehr Eindruck hinterlassen hat, egal ob nun positiv oder negativ. Aber ansonsten habe ich einfach praktisch keine Erinnerung. Ich war zu der Zeit so sehr mit mir selbst beschäftigt, u.a. auch damit, dass ich weiterlebe, dass die Schule unwesentlich für mein Hirn war.
Vermutlich könnte mir eine ehemalige Klassenkameradin begegnen und mir vielleicht sogar den Namen nennen, aber es würde nicht klick machen. Ich erinnere mich weder an Namen noch Aussehen. Die wenigen, an die ich mich erinnere, mit denen bin ich auch auf Facebook vernetzt. Alle darüber hinaus… tja… ausgelöscht. Wobei, mal abgesehen von dem eigentlichen Thema: Leute, die einem Oberfeldwebel Rotbraue als Kommentar in das Abibuch schreiben, an die muss man sich eigentlich nicht erinnern. Nur mal so ein kleiner Kommentar am Rande.
Ist Verdrängung nicht etwas absolut Faszinierendes? Und Beängstigendes? Alles, an was ich mich erinnere, ist tatsächlich… Dunkelheit. Diese Zeit war beklemmend, es war wirklich keine Sternstunde. Das war die Zeit, in der ich mich niemandem anvertraut habe und alles mit mir selbst abgemacht habe. Ich war einsam. Ich war auch kein leichter Charakter, was sich irgendwie von selbst versteht. Ich habe wohl definitiv Leute abgestoßen, um sie zu testen, ob sie wirklich zu mir stehen. Ja, in dieser Zeit fühlte ich mich sehr allein. Immerhin war ich auch ein Teenager. Teenager und sexueller Missbrauch? Was soll ich sagen? Teenagerprobleme hätten mir gereicht.
Die Dunkelheit habe ich irgendwann auch nach außen getragen. Ich habe angefangen mich etwas im Goth Style zu verstecken. Zu eurer Info: Das hat nicht wirklich gut funktioniert. Dunkelheit im Herzen, Dunkelheit im Außen. Das waren wirklich finstere Zeiten.
Das Einzige, was mir gut tat und half, waren Manga und Fanfiction. Wenn ich schreiben konnte, dann konnte ich mich wegdenken. Der unweigerliche Weg Richtung Cosplay, oder? Vermutlich war meine erste Fanfiction deshalb auch ein Self-Insert. Sehr peinlich… aber hey, es hat mich zum Schreiben gebracht und das Schreiben hat mich letzten Endes aus der Situation geholt. Nur… das wird noch Thema eines anderen Beitrags.

Und die Lehrer?

Heute dreht es sich um die Schule. Hat jemals ein Lehrer etwas gemerkt oder gesagt? Nein. Alles, was bei Elterngesprächen Thema war: Die Regina, die kann es eigentlich, sie ist einfach nur faul. Wenn sie wollte, dann…
Was dann? Dann hätte ich vermutlich ein Einser-Abitur geschrieben. Ja. Aber es ging nicht. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte nicht gekonnt. Diese Dunkelheit in meinem Herzen war anstrengend, sie hat mich oft ausgelaugt und demotiviert. Ich bin immerhin – meistens – zur Schule gegangen. Das war schon Aufwand genug. Auch noch etwas für die Schule tun? Ich hätte es gar nicht gekonnt.
Als ich das jetzt gerade geschrieben habe, habe ich mich gefragt, wie es wohl gewesen wäre, wenn ein Lehrer mich gefragt hätte, ob alles okay wäre. Wenn ein Lehrer über dieses Allgemeine hinausgegangen wäre. Hätte ich mich ihm anvertraut? Nein. Natürlich nicht. Ich war nicht bereit dafür und vor allem war ich von dieser falschen Scham geplagt. Ein schwieriges Thema, das sicher auch noch seinen eigenen Beitrag verdient hat. Als Teenager, als Heranwachsender in einer sexuell schwierigen Zeit (und in einer Mädchenschule) – da hätte ich mich sicher keinem Lehrer anvertraut. Deshalb ist die nächste Frage eigentlich auch nichtig: Ja, als Lehrer sollte man eigentlich ein Feingefühl für seine Schüler haben. Aber das sagt sich leichter als es ist.

Erkenntnisse über Erkenntnisse

Wow. Mal wieder eine neue Erkenntnis durchs Schreiben gewonnen. Da kam diese Einladung zur rechten Zeit. Die Schule war nicht als Schule für mich wichtig. Es war einfach nur der Zeitraum, in dem ich mit mir selbst zu kämpfen hatte. Mit meinen Depressionen, damit, den Mut zu finden, mich aus dem Missbrauch zu lösen. Okay, ich hab nebenbei tatsächlich noch das Abi bestanden. Aber irgendwie ist das nebensächlich. Und vielleicht erinnere ich mich genau deshalb nicht mehr an die Schule. Sie war nicht wichtig. Die meisten Leute waren nicht wichtig (Ausnahmen bestätigen die Regel…). Sie war der Rahmen, in dem ich meinen Weg finden musste.

Und das Fazit?

Das Fazit? Leben und sexueller Missbrauch ließ sich nicht vereinbaren. Ja, ich hatte Hobbies, ich habe Sport gemacht, aber auch das habe ich dann aufgehört, weil es einfach nicht mehr ging. Mir hat die Energie dazu gefehlt. Genauso wie für die Schule oder intensive Freundschaften. All meine Energie habe ich darauf verwendet, weiterzuleben. Ich finde, dass das ja schon beachtlich genug ist. Und dann habe ich auch noch das Abi bestanden – mit der Note kann ich in Hinblick auf alles, was damals passiert ist, auch leben.
Ein weiteres Fazit? Verdrängung ist eine ziemlich mächtige Waffe, manchmal funktioniert sie zu gut. Aber ich habe die Schule auch deshalb aus meinem Gedächtnis gelöscht, weil diese Zeit einfach insgesamt zu negativ behaftet ist. Ich kann mich nicht an die Schule erinnern, weil ich mich dann auch an das, was mir passiert ist, erinnern müsste. Da ist der Verlust einer mittelmäßigen Schulzeit mit einer mittelmäßigen Klasse auch nicht ganz so tragisch. Ich sehe es als Selbstschutz.

Depression abzugeben – Uwe Hauck [Rezension]

Depression abzugeben

Für die Rezension heute lasse ich mal die übliche Form weg. Ich bin einfach zu geflasht von Depression abzugeben. Danke Uwe, dass du dieses Buch geschrieben hast und uns an deiner Geschichte teilhaben lässt. Ich empfand dich schon auf Twitter als Inspiration. Daher wollte ich Depression abzugeben auch unbedingt lesen. Es hat jetzt etwas länger gedauert, bis ich dazu kam – zuerst habe ich es in keiner Buchhandlung, in der ich war, gefunden. Dann kam das Leben dazwischen. Aber jetzt habe ich es geschafft und ich wollte es absolut nicht aus der Hand legen. Ich habe jedes Wort aufgesogen und es sind jede Menge kluge Worte darin enthalten.

Depression abzugeben
Depression abzugeben

Eigentlich schreibe ich zu persönlichen und ungewöhnlichen Büchern nicht gerne Rezensionen. Gerade wenn es mich einfach so mitgenommen hat (im positiven Sinne…). In vielen Punkten habe ich ein paar meiner Gedanken wieder erkannt und dachte nur: Ja. Genau das!

Allgemein fand ich schon immer, dass Uwe Hauck sehr kluge Worte twittert. Hier sind sie in einem Buch versammelt. Ich möchte das Buch am Liebsten direkt nochmal durchlesen und dieses Mal mit Marker und Klebezettelchen in der Hand. Andererseits… dann wäre das Buch ziemlich gelb. Zu viele Sätze, die mich bewegen und die ich einfach wunderbar finde. Nicht, dass das schlecht wäre. Ganz im Gegenteil!

Inspiration & Einblick zugleich

Für mich war das Buch nicht nur eine Inspiration, ich habe mich in einigen seiner Verhaltensmuster wiedererkannt. Es gab Momente, in denen ich einfach nur dachte: Genauso ging es mir/empfand ich auch. Das war teils erschreckend, denn nicht immer sind diese Momente schön, sondern eher bedrückend. Aber es ist wichtig, dass man als Betroffener sieht, dass man nicht allein ist. Und es ist wichtig, dass die nicht Betroffenen den Hauch von Ahnung kriegen, wie es in einem aussieht. Es ist einfach wichtig, dass dieses Thema angesprochen wird!
Es ist ein Buch, das einem die Augen öffnen kann, wenn man sich darauf einlässt. Mich hat es aber zeitgleich auch dazu inspiriert, jetzt einen neuen Weg im Umgang mit meiner Vergangenheit zu gehen. Ich hab ja schon lange darüber nachgedacht, aber dank Uwes tollen Worten habe ich mich entschlossen, das wirklich durchzuziehen. Dafür bin ich wirklich dankbar.
Eigentlich ist das ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herzen legen möchte. Es enthält so viel Wichtiges. Es ist wunderbar geschrieben. Und es zeigt, dass eine Depression nun mal kein Beinbruch ist. Lasst euch auf das Buch ein, lest es und verbreitet es. Das Buch hat es verdient.

 

Ich verliere jetzt keine weiteren Worte, ihr müsst euch einfach selbst davon überzugen lassen. Und hier könnt ihr es kaufen: Bastei Lübbe

Los. Geht es kaufen! Hopp, hopp!