Depression abzugeben – Uwe Hauck [Rezension]

Depression abzugeben

Für die Rezension heute lasse ich mal die übliche Form weg. Ich bin einfach zu geflasht von Depression abzugeben. Danke Uwe, dass du dieses Buch geschrieben hast und uns an deiner Geschichte teilhaben lässt. Ich empfand dich schon auf Twitter als Inspiration. Daher wollte ich Depression abzugeben auch unbedingt lesen. Es hat jetzt etwas länger gedauert, bis ich dazu kam – zuerst habe ich es in keiner Buchhandlung, in der ich war, gefunden. Dann kam das Leben dazwischen. Aber jetzt habe ich es geschafft und ich wollte es absolut nicht aus der Hand legen. Ich habe jedes Wort aufgesogen und es sind jede Menge kluge Worte darin enthalten.

Depression abzugeben
Depression abzugeben

Eigentlich schreibe ich zu persönlichen und ungewöhnlichen Büchern nicht gerne Rezensionen. Gerade wenn es mich einfach so mitgenommen hat (im positiven Sinne…). In vielen Punkten habe ich ein paar meiner Gedanken wieder erkannt und dachte nur: Ja. Genau das!

Allgemein fand ich schon immer, dass Uwe Hauck sehr kluge Worte twittert. Hier sind sie in einem Buch versammelt. Ich möchte das Buch am Liebsten direkt nochmal durchlesen und dieses Mal mit Marker und Klebezettelchen in der Hand. Andererseits… dann wäre das Buch ziemlich gelb. Zu viele Sätze, die mich bewegen und die ich einfach wunderbar finde. Nicht, dass das schlecht wäre. Ganz im Gegenteil!

Inspiration & Einblick zugleich

Für mich war das Buch nicht nur eine Inspiration, ich habe mich in einigen seiner Verhaltensmuster wiedererkannt. Es gab Momente, in denen ich einfach nur dachte: Genauso ging es mir/empfand ich auch. Das war teils erschreckend, denn nicht immer sind diese Momente schön, sondern eher bedrückend. Aber es ist wichtig, dass man als Betroffener sieht, dass man nicht allein ist. Und es ist wichtig, dass die nicht Betroffenen den Hauch von Ahnung kriegen, wie es in einem aussieht. Es ist einfach wichtig, dass dieses Thema angesprochen wird!
Es ist ein Buch, das einem die Augen öffnen kann, wenn man sich darauf einlässt. Mich hat es aber zeitgleich auch dazu inspiriert, jetzt einen neuen Weg im Umgang mit meiner Vergangenheit zu gehen. Ich hab ja schon lange darüber nachgedacht, aber dank Uwes tollen Worten habe ich mich entschlossen, das wirklich durchzuziehen. Dafür bin ich wirklich dankbar.
Eigentlich ist das ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herzen legen möchte. Es enthält so viel Wichtiges. Es ist wunderbar geschrieben. Und es zeigt, dass eine Depression nun mal kein Beinbruch ist. Lasst euch auf das Buch ein, lest es und verbreitet es. Das Buch hat es verdient.

 

Ich verliere jetzt keine weiteren Worte, ihr müsst euch einfach selbst davon überzugen lassen. Und hier könnt ihr es kaufen: Bastei Lübbe

Los. Geht es kaufen! Hopp, hopp!

Ohrfeige – Abbas Khider [Rezension]

Titel: Ohrfeige 
Autor: Abbas Khider
Verlag: Hanser
Erschienen: Februar 2016
ISBN: 978-3-446-25054-3
Preis: 19,90€
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Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt.



Es ist die Sicht von Karim, einem Flüchtling, der auch noch unter einer wirklich schlimmen und psychisch belastenden Krankheit leidet, ist eine ganz andere als jeder Flüchtlingshelfer hat.
Die deutsche Gesellschaft wird hier von außen beschrieben, als eine Gesellschaft, die offen scheint, in die man aber dennoch nur schwer Zutritt gewinnt. Und die Beamten, die sich um Asylanten kümmern, machen es diesen nicht gerade leicht. Daher kann ich diesen Gedanken, dieser Frau, für die Karim nur eine lästige Nummer war, zu sagen, was man empfindet, einfach nachvollziehen. Es wird dabei auch relativ schnell klar, dass Karim nicht in Deutschland bleiben wird – und DAS ist traurig. Er hat sich wieder einen Schlepper gesucht. Und nur, um Deutschland verlassen zu können, hat er illegal gearbeitet. Sonst hätte er sich die Flucht AUS Deutschland nicht leisten können. Dabei kennt man es doch nur andersrum: Die Flucht NACH Deutschland wird durch einen Schlepper eingeleitet. Hier lernt man als Leser, dass unser Land für Flüchtlinge eben nicht das ersehnte Nirvana ist. Vielleicht hat der eine oder andere das schon geahnt, aber diese Erkenntnis fand ich dann doch doch erschreckend.
Das Buch wirkt resigniert. Eigentlich hätte ich irgendwann noch eine Wutexplosion erwartet, aber Karim ist für mich einfach nur resigniert. In seiner Situation wäre ich das allerdings auch. In einer anderen Rezension habe ich von einer Sozialreportage gelesen und ich finde, dass das die perfekte Zusammenfassung für den Inhalt ist. Wir haben hier eine persönliche Sozialreportage, die durch einen Ich-Erzähler vorgestellt wird. Karim erzählt uns seinen gesamten Weg von dem Entschluss zur Flucht bis hin zu diesem Moment, in dem er seine Sozialarbeiterin an einen Bürostuhl fesselt und ihr seine Geschichte auf Arabisch erzählt. Ich kann es nicht ändern, aber mir hätte ein kleiner Ausbruch, in dem die Emotionen noch einmal hochkochen, wirklich gut gefallen. Gerade die psychische Belastung durch seine Krankheit hätte das sehr gut auslösen und rausfordern können. Aber das ist kein großer Kritikpunkt, denn letztlich ist diese resignierte Stimmung wohl sehr reell.
Man lernt aber nicht Karims Schicksal kennen, auch die Menschen, die ihn letztlich auf seinem Weg durch die Asylantenanträge begleiten, beschreibt er… und auch das ein oder andere nicht wirklich gut endende Schicksal. Es wird auch nicht an düsteren Untergrundsgeschichten gespart – die H&M-Bande und die Frauen, die aus dem Katalog bestellt werden, sind mir zu gut in Erinnerung geblieben.

Ein sehr gelungener Schachzug des Autors ist der Grund, aus dem Karim flüchtet. Wäre er ein politischer Flüchtling, einer aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Verfolgungsgründen, dann hätte es sicher deutlich mehr Kritikpunkte gegeben… Aber Karims Grund ist ziemlich einzigartig, außergewöhnlich und verdammt gut. Mit seiner Krankheit kann er einfach nicht im Irak leben. Und übrigens fand ich sein politisches Verständnis eher… mager. Ein ganz normaler Mann, der eigentlich nur friedlich sein Leben leben will und nicht politisch motiviert ist. Natürlich gibt es auch andere Flüchtlinge, jeglicher Abstammung und Gesinnung, doch Karim bleibt für mich immer höflich und irgendwie außen vor. Er ist einfach nicht extrem. Weder extrem gläubig oder extrem politisch oder extrem gewalttätig. Am Liebsten hätte ich ihm den Asylantrag höchstselbst genehmigt! Aber letztlich bleibt er eben nur eine Nummer.  



Flüchtlinge werden auch bei uns nicht als Menschen, sondern nur als Nummern gesehen. Karims Geschichte mit ihrem resignierten Ton zeigt eine Welt, die man normalerweise gar nicht so zu sehen bekommt. Ein sehr eindringliches Buch.  



Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Im Alter von 19 Jahren wurde er verhaftet. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten floh er 1996 nach der Haft. Nach verschiedenen Aufenthalten lebt er seit 2000 in Deutschland. In München und Potsdam studierte er Literatur und Philosophie. Sein Debüt „Der falsche Inder“ erschien 2006, weitere Titel folgten. Abbas Khider wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, u.a. den Hilde-Domin-Preis. 2017 ist er Stadtschreiber für die Stadt Mainz. Aktuell lebt er in Berlin.


 

Unverwechselbar, stimmgewaltig, bedrückend und zugleich voller Humor: Das ist Abbas Khiders „Ohrfeige“. Karim ist Flüchtling, seit drei Jahren in Deutschland und sehr wütend. Nun geht er noch ein letztes Mal in Ausländerbehörde, um seiner Sachbearbeiterin all das zu sagen, was sich über die Jahre angestaut hat. Er hat sich durch die Bürokratie gekämpft, sich versucht zu integrieren, nur um dann seinen Widerruf zu erhalten.  

Quellen
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Kokostee – Oliver Geißen [Rezension]

Launig, amüsant und eine tolle Idee – was wäre, wenn die größten Stars unserer Geschichte eigentlich gar nicht tot sind, sondern stattdessen gemütlich ihren Ausstieg feiern? Oliver Geissen hat einen Gedanken, den sicher viele schon mal hatten, in Kokostee zusammengefasst.


Titel: Kokostee
Autor: Oliver Geissen
Verlag: Hoffmann & Campe
Erschienen: Oktober 2016
ISBN: 978-3-455-65138-6
Preis: 15,00€
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Die Nacht war lau und sternenklar.



Es fehlt ein bisschen das übergeordnete Ziel bei diesem Buch – über lange Strecken tröpfelt es (das zugegebenermaßen sehr lesenswert) vor sich, aber es passiert einfach nicht viel. Es war perfekt zum Abschalten. Adscheis Einblick ist sehr entspannend, dabei ist er so ein richtiger Butler und das merkt man auch am Stil. Zurückhaltend, die feine „englische“ Art sozusagen. Ich finde Adschei wunderbar. Da kommt eigentlich nur eine Frage auf: Wo kann ich meinen eigenen Adschei finden? Ich könnte dringend einen gebrauchen! Dieser Charakter ist so unglaublich liebenswert, er geht einem ans Herz und gegen Ende wird klar, es geht hier nicht um die Stars, es geht um ihn. Verdammt, ich habe mich in Adschei als Charakter echt verliebt, das wird mir gerade so richtig klar. Selten habe ich so einen wunderbaren Charakter gelesen. In nur wenigen Seiten wächst er einem mit seinen Taten und Worten ans Herz. Er ist liebenswert, aufmerksam und diese Zurückhaltung, da kann ich verstehen, dass er Marilyn ein guter Freund geworden ist.
Die Stars sind nicht ganz so, wie man sie sich vorstellt. Sie sind allesamt sehr naiv. Und verwöhnt (aber bei Adschei ist das auch kein Wunder). Irgendwie sind sie eher kleine Kinder, als erwachsene Menschen. Das passt aber auch irgendwie zu diesen Menschen, denn wer kann als Promi mit so einem Status komplett und wahrhaftig erwachsen werden? Eigentlich finde ich sie alle sehr unschuldig. Dennoch gibt es zwischendurch ein paar sehr weise und tolle Ratschläge, die man wirklich beherzigen kann. Gerade Marilyn hat ja auch ein Alter erreicht, in dem man das erwarten könnte. Auf alle Fälle sind alle herzensgute Charaktere.
Die Beziehungen untereinander… verrate ich nicht. Ich fand gerade eine Beziehung wirklich super. Überraschend, aber super. Ich mag jeden einzelnen auf seine Art und Weise, aber hey, Bob Marley ist Bob Marley. Ich mag Bob Marley. So.
Dieses Buch beruht nicht auf Handlungen und ausgefeilter Storyline. Es beruht auf den Figuren und die sind fantastisch. Danke, Oliver Geißen, für diese wundervollen Charaktere. Denen ist es auch zu verdanken, dass das Buch einfach warmherzig ist. Ich sag es euch, wenn ihr mal in düsterer Stimmung seid, Kokostee wird euch etwas ablenken.



Diese Charaktere gehen ans Herz. Ich bin ganz verliebt. Da macht es auch nichts aus, dass die Storyline etwas mau ist – Adschei und die Stars machen hier das Buch aus.




Oliver Geissen gehört zu Deutschlands bekanntesten und beliebtesten Fernsehmoderatoren. Er moderierte u.a. top of the pops, Die Oliver Geissen Show, mehrfach die Echo-Verleihungen sowie Deutschland sucht den Superstar. Er lebt mit seiner Frau, drei Söhnen und einer Tochter in Hamburg.

 

Elvis Presley, Marilyn Monroe, Bob Marley, Michael Jackson, John Lennon, Kurt Cobain, Amy Winehouse. Lauter fantastische Prominente und Musiker, die viel zu früh gestorben sind. Oder vielleicht doch nicht? Ja, nicht so wirklich – mittlerweile leben sie auf einen wunderschönen und paradiesischen Insel, die sie vollkommen auskosten und genießen. Egal, ob Poolgymnastik, ein schöner Strand und natürlich den besten Butlerservice in Form von Butler Adschei, es könnte ihnen nicht besser gehen.
Und Adschei gönnt uns nun einen sehr sympathischen Einblick in die Welt dieser fantastischen Aussteiger!

Mein Dank geht an Hoffmann & Campe für das Rezensionsexemplar.

Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

[Rezension] Die Liebenden im Chamäleon Club – Francine Prose


Titel: Die Liebenden im Chamäleon Club
Autor: Francine Prose
Original: Lovers at the Chameleon Club, Paris 1932
Aus dem Englischen: Susanne Aeckerle
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: März 2016
ISBN: 978-3-570-10229-9
Preis: 22,99€
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Francine Prose, geboren 1947, hat zahlreiche preisgekrönte Romane und
Sachbücher veröffentlicht. Sie war für den National Book Award
nominiert und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.
Die Autorin lebt in New York. Zuletzt erschien auf Deutsch der Roman Lügen auf Albanisch.




Sie war Wettkampfsportlerin und erfolgreiche Rennfahrerin. Später
arbeitete sie in einem Pariser Transvestitenclub. Sie trug
Männerkleidung und liebte Frauen. Sie verriet ihr Land an die Deutschen
und arbeitete unter der Besatzung für die Gestapo.

Basierend
auf einer wahren Biografie entwirft Francine Prose die faszinierende
Lebensgeschichte von Lou Villars, die auf der Suche nach Liebe und
Anerkennung immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und Tod gerät. Der
vielstimmige Roman lässt die spannungsreiche Vorkriegsepoche und die
Zeit des Zweiten Weltkriegs lebendig werden. Francine Prose erzählt von
Liebe und Kunst, von Krieg und Spionage, von Verführung und Verrat –
und wie Geschichte sich verändert, abhängig davon, wer sie erzählt.

Liebe Eltern,
gestern Abend besuchte ich einen
Club in Montparnasse, in dem Männer sich wie Frauen kleiden und
Frauen wie Männer.



Dieses Buch ist ein
wirkliches Puzzle, das am Ende ein fantastisches und besonderes
Portrait einer außergewöhnlichen Frau ergibt. Lou Villar hat nicht
gelebt, doch ihre Geschichte beruht auf einer wahren
Lebensgeschichte. Und dass die wirklich großen, faszinierenden Teile
des Buches auf eben diesen wahren Begebenheiten beruhen, macht es
wirklich noch… Faszinierender? Besser? Außergewöhnlicher?
Beeindruckender? Ich finde ja, es passt alles.
Anfangs war ich
etwas irritiert, denn dieser Brief von Gabor passte nicht in meine
Erwartungen, die ich mir gemacht hatte. Doch dann hat sich das Buch
langsam aufgebaut und die verschiedenen Erzählstränge haben
schließlich zusammen gefunden und die Geschichte hat sich
entwickelt. Es ist eben nicht nur die Geschichte Lou Villars, sondern
es spielen viele Charaktere rein. Gabor, der Fotograf, ist eben auch
ein Teil davon, der letztendlich mit dafür sorgt, dass Lou zu dem
wird, was sie am Ende des Buches ist. Er ist auch derjenige, der das
Bild macht, welches unter anderem die Autorin zu der Geschichte
inspiriert hat. Es ist auch das Bild, das das ganze Buch über
präsent ist und ebenfalls eine entscheidende Rolle spielt.
Ich weiß hier
wirklich nicht, wo ich anfangen soll, den am Ende des Buches war ich
einfach sprachlos und baff. Mich hat diese Geschichte unglaublich
beeindruckt und manchmal stimmt es einfach doch, dass das Leben die
unglaublichsten (wenn auch hier nicht die besten) Geschichten
schreibt. Die Liebenden im Chamäleon Club gehört dazu. Es
zeigt uns eine Zeit, in der das Leben bei Weitem nicht so einfach
war, wie es heute ist. Insbesondere für Homo- und Transsexuelle.
Aber ich kann euch nicht mal sagen, ob es diese Thematik war, die
mich berührt hat, oder Lou Villar an sich. Diese Frau hat furchtbare
Dinge getan, Dinge, die absolut unverzeihlich sind – auch wenn hier
einiges noch hinzukam, waren ihre wirkliche Taten schon schlimm
genug. Doch… ich kann sie als Mensch nicht verachten. Für mich ist
sie eine Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurde.
Nichts kann diese Taten entschuldigen, doch man kann es nach der
Lektüre trotz allem nachvollziehen. Und dafür habe ich mich
teilweise geschämt, denn… es kann eben nichts diese Taten
entschuldigen. Selbst beim Lesen bekommt man einen Schuldreflex, den
ich zumindest nicht unterdrücken konnte. Der Teil über Lou war von
einer Erzählerin geschrieben und deshalb auch nicht persönlich.
Gedanken und Gefühle kann man nur an den Handlungen ablesen, doch
ich finde, dass es dieser Stil gleichzeitig noch intimer macht. Gott,
das klingt alles sehr konfus, aber ich stelle gerade fest, dass ich
diese Geschichte noch nicht ganz verarbeitet habe. Das Buch hat mich
wirklich bewegt.
Neben Lou hat man
ja auch noch andere Charaktere, die einen durch diese Zeit begleiten
und durch die man Einblicke auf die eigentliche Protagonistin
gewinnt. Es sind sehr unterschiedliche Charaktere, sehr
beeindruckende Persönlichkeiten, aber auch gleichzeitig Charaktere,
die man manchmal wirklich nicht ernst nehmen kann. Gerade die
Künstler. Doch durch all diese Charaktere zusammen erschafft
Francine Prose eine Geschichte voller Tiefe. Das Buch wirkt
unglaublich lebendig und manchmal hat man das Gefühl, man steht
neben diesen Charakteren und erlebt das Ganze mit.
Ich glaube, was ich
besonders zu schätzen weiß, ist, dass es keine Vorwürfe gegenüber
Lou Villar gibt. In den Elementen, die nur über sie berichten, gibt
es eine recht neutrale Berichterstattung. Und bei den anderen Figuren
geht es von Desinteresse über Faszination als Künstler bis hin zu
Schuldgefühlen. Aber – trotz den schlimmen Taten Lous – empfand
ich das Buch nicht vorwurfsvoll. Und eigentlich auch nicht
rechtfertigend. Francine Prose hat genau den richtigen Ton dazwischen
getroffen, so hat es den Anschein eines Sachbuches, obwohl es doch
ein Roman ist.



Dieses Buch ist
wohl nicht die leichteste Kost. Und es lässt einen auch nach dem
Lesen nicht los. Aber es ist ein Porträt über eine wahrlich
faszinierende Frau. Und… wer Hintergründe zum zweiten Weltkrieg
mit Lebensgeschichten gerne liest, muss dieses Buch lesen. Vielleicht
können wir uns danach ja austauschen – das Bedürfnis hätte ich
nämlich…



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

[Rezension] Die Frau, die allen davonrannte – Carrie Snyder


Titel: Die Frau, die allen davonrannte
Autor: Carrie Snyder
Original: Girl Runner
Übersetzt von: Cornelia Holfelder von der Tann
Verlag: btb
Erschienen: 13.06.2016
ISBN: 978-3-442-75464-9
Preis: 19,99€
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Carrie Snyder ist Mutter von vier Kindern, Autorin, Organisationstalent, Träumerin, Läuferin, Lehrerin, Fotografin und jemand, der sich die Zeit nimmt, um sich mit einer Tasse Kaffee vor den Computer zu setzen und sich mit dem eigenen Blog zu beschäftigen oder ein Buch zu schreiben. Auch wenn ihre Tage mehr als ausgefüllt sind, fragt sie sich immer wieder, was sie noch tun kann, um sie etwas schöner und wertvoller zu machen. Sie veröffentlichte zwei Bücher mit Kurzgeschichten, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Ihr erster Roman »Die Frau, die allen davon rannte« stand bereits wenige Wochen nach Erscheinen auf der Shortlist des Rogers Writers’ Trust Fiction Preises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Carrie Snyder lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und zwei Hunden in Waterloo, Ontario.




Dass Aganetha Smart einst eine kühne Pionierin war, ist in dem Altenheim, in dem sie sitzt, niemandem bewusst. Als zwei junge Leute auftauchen, um sie zu interviewen, sagt sie bereitwillig zu. Trotz ihrer Gebrechlichkeit sehnt sie sich nach Abenteuer. Und auch wenn ihre Erfolge weitestgehend in Vergessenheit gerieten, erinnert sie selbst sich noch sehr genau daran. Als junge Läuferin gewann sie eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Es war ein revolutionärer Sieg, Frauen durften in dieser Kategorie zum ersten Mal teilnehmen. Doch so sehr Aganetha sich bemühte, vor ihrer Vergangenheit konnte sie nicht davonlaufen – ebenso wenig wie vor den Konventionen ihrer Zeit.

Dies ist nicht der Liebesgesang der Aganetha Smart.



Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch lesen durfte, denn es hat mich von Anfang an gefesselt und in den Bann gezogen. Ich liebe einfach diese Einblicke in die Vergangenheit und das hier ist ein Gebiet, zu dem ich eigentlich bisher keinen Bezug hatte. Heutzutage wächst man ja damit auf, dass Frauen an der Olympiade eigentlich problemlos teilnehmen dürfen. So „Skandale“ wie dieses Jahr mit der Burka werden eher selten hochgespielt, die olympischen Spiele sollen ja als freies Spiel mit Schwerpunkt auf den Sportarten liegen (was wirklich daraus gemacht wird, dazu möchte ich jetzt nicht wirklich viel dazu schreiben). Doch hier wird eine Zeit beschrieben, die eben das nicht hatte, in der es ein Skandal war, dass eine junge Frau ein 800-m-Rennen lief. Heute laufen Frauen auch den Marathon und das war ein Skandal? Manchmal geht einem so was schwer in den Kopf, wenn man es einfach anders gewöhnt ist.
Wenn man den Klappentext liest, wird man vielleicht an gewisse andere Bücher mit Altersheim als Thematik erinnert… Dennoch ist es ein ganz anderes Buch. Gegenwart und verschiedene Vergangenheiten verschmelzen miteinander und es gibt keine klare Erzähltrennung. Denn Aganetha ist über 100 Jahre alt und ihre Gedanken sind nun mal sprunghaft geworden. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf der Vergangenheit, doch es gibt einen Auslöser in der Gegenwart, der erst dafür sorgt, dass das Gedankenkarussell wieder anläuft.
Ich war fasziniert davon, wie Aggie zum Laufen kam und die Beschreibungen… da habe ich als Laufmuffel mir doch glatt gewünscht, ich könnte das beim Laufen empfinden, was hier beschrieben wird. Man bekommt gleich ein Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit und kann den Wind im Gesicht spüren. Aganetha ist übrigens kein einfacher Charakter, sie hat mehr als genug Ecken und Kanten und im Laufe ihres Lebens wurden die zum Teil durchaus scharfkantig. Und es gibt bei so einem langen Leben wirklich genug Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, diese hier gehört jedoch dem Laufen. Aber eins sage ich euch: Ich hätte auch ein fünf Mal so dickes Buch über Aganetha gelesen, ohne zu zögern, denn es war toll. Es hat Spaß gemacht, die Geschichte zu erlesen und sich Stück für Stück ein Bild zusammenzusetzen und dennoch gab es am Ende dann – bäm! – eine Riesenüberraschung. Ich habe ja vieles erwartet, aber das hier? Nope. Dazu hatte ich echt keine Idee.
Neben Aggie erwarten euch noch viele weitere Figuren: Sie hat viele Geschwister und allein die Familiengeschichte der Smarts könnte ein Buch füllen. Ihre Mutter hat mich z.B. auch nachhaltig beeindruckt. Dann ihre Laufkameraden und Trainer und Mannschaftskameraden. Ich persönlich habe alles als so dicht und atmosphärisch empfunden, dass es auch hätte wahr sein können.
Man muss ein Faible für Lebensgeschichte haben, das ist ein Muss für dieses Buch. Aber wenn ihr gerne Geschichten lauscht, seid ihr hier richtig. Aggie hat jede Menge Geschichten zu bieten. Allein wenn ich jetzt darüber schreibe, möchte ich eigentlich nichts lieber als noch mehr zu dieser faszinierenden Frau zu erfahren. Meinetwegen auch das Buch nochmal zu lesen. Aber auf alle Fälle hat es dieses gewisse Etwas, das einen nicht mehr loslässt und das einen einfach weiter grübeln lässt. Trotz der nicht unerheblichen Seitenanzahl habe ich auch nach der Lektüre immer noch über Aggie und ihr Leben nachgedacht. Vieles wurde nämlich auch gar nicht erst ausgeschrieben, sondern nur angeschnitten und angedeutet. Was macht mehr Spaß als ein Buch, das eben Interpretationsspielraum lässt?




Eine unglaubliche Lebensgeschichte, die mich gepackt und nicht mehr losgelassen hat. Ich bin mir sicher, dass ich bei einer weiteren Lektüre noch mehr Andeutungen finde und das Buch dann wieder und wieder lesen will.



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

Mein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Geschenkt – Daniel Glattauer


Titel: Geschenkt
Autor: Daniel Glattauer
Verlag: Goldmann
Erschienen: April 2016
ISBN: 978-3-442-48300-6
Preis: 9,99€
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Daniel Glattauer wurde 1960 in Wien geboren und ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. Bekannt wurde er zunächst durch seine Kolumnen, die im so genannten „Einserkastl“ auf dem Titelblatt des Standard erscheinen und in Auszügen in seinen Büchern „Die Ameisenzählung“, „Die Vögel brüllen“ und „Mama, jetzt nicht“ zusammengefasst sind. Seine beiden Romane „Der Weihnachtshund“ und „Darum“ wurden mit großem Erfolg verfilmt. Der Durchbruch zum Bestsellerautor gelang Glattauer mit dem Roman „Gut gegen Nordwind“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert, in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und Hörbuch adaptiert wurde.








Gerold Plassek ist Journalist bei einer Gratiszeitung, und auch sonst war sein Leben bislang frei von Höhepunkten. Manuel, 14, dessen Mutter Alice für ein halbes Jahr im Ausland arbeitet, sitzt bei ihm im Büro, beobachtet ihn beim Nichtstun und ahnt nicht, dass Gerold sein Vater ist. Gerold selbst weiß es erst seit kurzem – und er hat sich von diesem Schock kaum erholt, als noch mehr Bewegung in sein Leben kommt: Nach einer von ihm verfassten Zeitungsnotiz über ein überfülltes Obdachlosenheim trifft dort eine anonyme Geldspende ein. Der Anfang einer geheimnisvollen Spendenserie, die Gerold offensichtlich mit seinem Schreiben beeinflussen kann. Langsam beginnt Gerold sich mit dem Leben zu versöhnen …

Meinen Sohn hätte ich mir anders vorgestellt.



Okay, hier sind sie, die erschütternde Worte: Das hier… war mein erster Glattauer. Wirklich eine Schande, wie ich finde, trifft er doch meinen Geschmack perfekt – stilistisch und inhaltlich. Aber es ist tatsächlich so, dass ich mit Geschenkt das erste Mal einen Glattauer in der Hand halte. Und das bereue ich doch sehr.
Die Geschichte inhaltlich hat mich direkt angelacht, immerhin ist sie an die spannenden anonymen Spenden in Braunschweig angelehnt und schon das hat mich fasziniert. Dazu noch diese Hintergrundgeschichte mit dem abgehalfterten und unmotivierten Journalisten… Mehr brauchte es nicht und es war um mich geschehen. Dazu noch der leicht ironische Humor in dem Buch. Hach, ich bin verliebt.
Allein die Idee, die dahinter steckt, fesselt mich wirklich sehr. Anonyme Spenden, immer 10.000 Euro, denen ein Zeitungsartikel beiliegt. Hier wird das Ganze nach Österreich verlegt und noch dazu auf eine Gratiszeitschrift beschränkt, die vielleicht nicht unbedingt den besten Ruf hat. Dazu noch „Gerold, Feinde nennen mich Geri“ und sein ziemlich kluger Sohn, das ergibt einen mehr als lesenswerten Mix. Gerold ist echt ein Idiot. Auf gut Deutsch. Aber ein sehr sympathischer und unmotivierter Idiot. Mit einem Faible für Alkohol. Und keinem großen Talent als Vater. Dafür mochte ich von Anfang an seine Schreibe, sehr unaufgeregt und kurz, aber zielführend. So ist es auch kein Wunder, dass seine Artikel diejenigen sind, die den Spenden beiliegen. Doch erst mit seinem Sohn kommt er richtig in Fahrt. Neben der Spendenstory war für mich das der schönste Teil: Gerold und Manuel kommen immer mehr zusammen und es entwickelt sich eine durchaus schräge Beziehung, immerhin weiß Manuel nicht, dass er mit seinem Vater zusammenarbeitet. Doch das macht genau den Charme an dieser Geschichte aus.
Aber eigentlich gefällt mir praktisch alles: die nüchternen Charaktere, die Beziehungen, der viele Alkohol. Bei diesem Buch ist es eindeutig alles, was es lesenswert macht, das kann man auf nichts beschränken. Wenn es passt, dann passt es einfach und somit musste ich es einfach in einem Rutsch durchlesen – das war bei mir übrigens der Auftakt zu einer Serie guter Bücher. Manchmal braucht es echt nur einen Titel, der einen vollkommen zufrieden macht, um wieder ins Lesen zu kommen, oder?




Für mich ist Geschenkt eines dieser Bücher, bei denen alles stimmig ist. Punkt. Mehr gibt es da nicht zusagen.



Quellen
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[Rezension] Kirschblüten und rote Bohnen – Durian Sukegawa


Titel: Kirschblüten und rote Bohnen
Autor: Durian Sukegawa
Original: An
Aus dem Japanischen: Ursula Gräfe
Verlag: DuMont
Erschienen: März 2016
ISBN: 978-3-8321-9812-1
Preis: 18,00€

 
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Durian Sukegawa, geboren 1962, studierte an der Waseda Universität in Tokio Philosophie. Er schreibt Romane und Gedichte, außerdem ist er in Japan als Schauspieler, Punkmusiker und Fernseh- sowie Radiomoderator bekannt. ›Kirschblüten und rote Bohnen‹ war ein japanischer Bestseller und wurde von Namo Kawase als Beitrag für Cannes 2015 verfilmt.




Sentaro ist gescheitert: Er ist vorbestraft, er trinkt zu viel, und sein Traum, Schriftsteller zu werden, ist unerfüllt geblieben. Stattdessen arbeitet er in einem Imbiss, der Dorayaki verkauft: Pfannkuchen, die mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt sind. Tag für Tag steht er in dem Laden mit dem Kirschbaum vor der Tür und bestreicht lustlos Gebäck mit Fertigpaste. Bis irgendwann die alte Tokue den Laden betritt. Die weise, aber sichtlich vom Leben gezeichnete Frau kocht die beste Bohnenpaste, die man sich nur denken kann. Auch deshalb verändert die Begegnung mit ihr alles, denn Tokue lehrt Sentaro ihre Kunst. Wenig später wird Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, zur Stammkundin des Imbisses und schließt Freundschaft mit Tokue und Sentaro. Doch die Welt meint es nicht gut mit den dreien …

Tag für Tag stand Sentaro an der gusseisernen Platte in seinem Imbiss und backte Dorayaki – kreisrunde, mit An, süßer roter Bohnenpaste, gefüllte Pfannküchlein.



Wie ich in meiner letzten Rezension geschrieben habe, macht es einfach nicht bei jedem Buch Klick. Man kann sich einfach nicht in jeden Titel verlieben. Hier war das jedoch der Fall. Bei diesem schlichten und zugleich wunderschönen, aber auch traurigen Buch hat es Klick gemacht und ich war, nein, ich bin verliebt. Ihr fragt mich nach einem Jahreshighlight? Kirschblüten und rote Bohnen. Mein bisheriges Jahreshighlight, das ich, nur beim Schreiben darüber, am Liebsten noch einmal genießen würde.
Ich fange, ausnahmsweise, mal bei den äußeren Werten an: Da ist das einzige Manko meine ständige Angst, es schmutzig zu machen. Einfach weil es so schön ist! Die Kirschblüten strahlen auf dem weißen Leineneinband wirklich schön sanft und es fühlt sich einfach wertig an. Ein wunderschön gestaltetes Buch, das sofort ins Auge fällt!
Doch auch der Inhalt steht dieser traumhaften Gestaltung in nichts nach. Ich konnte gar nicht fassen, wie schnell ich mich verliebt habe. Nach nicht mal zwanzig Seiten war es um mich geschehen und ich war dem Buch einfach verfallen. So wie die Kirschblüten ist es sanft, es schreit nicht und dramatisiert nicht, sondern zeigt in seiner schönen Schlichtheit eine sehr außergewöhnliche Freundschaft von drei ebenfalls nicht unbedingt gewöhnlichen Menschen. Der Hauptakteur ist Sentaro, der ehemalige Sträfling, der mit seinem Job etwas gut machen will, aber den Job nicht gut macht. Zumindest solange, bis Tokue in sein Leben tritt. Und dann wird es wundervoll. Es zeigt wirklich Momente des Glücks, die von einer nicht richtig greifbaren Melancholie geprägt sind. Die Sprache ist eingänglich, die Figuren auf Anhieb sympathisch und spätestens mit Wakana kommt die Geschichte ins Rollen.
Ich habe geweint und gelacht und beides zugleich, weil dieses Buch mich einfach berührt hat. Und zwar ziemlich tief im Inneren. Es zeigt uns Lesern, wie einfach das Glück sein kann und am Ende wird man doch bescheiden und fast demutsvoll. Eigentlich hätte das Ende auch überdramatisch sein können, aber für mich war es perfekt. Es war traurig, es war glücklich und mir fehlen die Worte, wie ihr vielleicht merkt. Das Buch geht zu Herzen und ich werde den Gedanken an das Glück sicher immer im Herzen tragen. Ganz im Ernst, jetzt, beim Schreiben dieser Rezension, denke ich mir einfach nur, dass ich mich doch deutlich öfter an das einfache Glück im Alltag erinnern sollte und dass dieses Buch das auf die wunderschönste Art und Weise zeigt.





Liebe auf den ersten, zweiten, dritten und vierten Blick. Das ist so meine Beziehung zu dem Buch. Es geht zu Herzen dank warmen Figuren, melancholischer Gedanken und dem Glück im Kleinen. Ein Herzensbuch.


Mein Dank geht an DuMont sowie BloggDeinBuch für das Rezensionsexemplar. 

Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

[Rezension] Die wundersamen Abenteuer der Galina Petrowna – Andrea Bennett


Titel: Die wundersamen Abenteuer der Galina Petrowna
Autor: Andrea Bennett
Original: Galina Petrovna’s Three-Legged Dog Story
Aus dem Englischen: Eva Kemper
Verlag: Goldmann
Erschienen: 14.03.2016
ISBN: 978-3-442-31412-6
Preis: 19,99€
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Andrea Bennett studierte Geschichte und Russisch an der Universität
von Sheffield und verbrachte dann einen guten Teil der „Jelzin-Jahre“ in
Russland. Wieder zurück in Großbritannien folgten einige Jobs im
öffentlichen Dienst, derzeit arbeitet sie für eine
Wohltätigkeitsorganisation. Sie lebt mit ihrer Familie und ihrem Hund in
Kent. „Die wundersamen Abenteuer der Galina Petrowna“ ist ihr erster
Roman.




Galina Petrowna ist seit vielen Jahren verwitwet und lebt in einer kleinen Stadt in der russischen Provinz. Beherzt schlägt sie sich durch den Alltag, stets begleitet von ihrer geliebten dreibeinigen Hündin Boroda. Doch eines Tages wird Boroda von einem Tierfänger entführt, einem finsteren Gesellen, der im Auftrag der Föderation arbeitet. Als Galinas Verehrer Wasja versucht die Hundedame freizukaufen, wird er kurzerhand wegen Bestechung verhaftet. Galina ist wild entschlossen, ihn und Boroda zu befreien, und macht sich zusammen mit ihrer exzentrischen Freundin Soja auf eine Rettungsmission, die sie mitten ins abenteuerliche Moskau führt …

„Hallo! Gorjun Tigranowitsch! Hören Sie mich?“



Diese wirklich sehr urige Geschichte spielt, wie man dem Titel ja eigentlich schon fast entnehmen kann, in Russland. Mich hat der Klappentext neugierig gemacht, denn es klang hier so, als wäre der Titel wirklich amüsant und vielleicht auch tendenziell etwas skurril. Auch das Cover hat mich fasziniert, das Design finde ich sehr gelungen und sehe es gerne im Regal. Doch letztlich zählt ja die Geschichte, oder? Und die fand ich natürlich auch gut!
Wir haben hier eine ältere Dame, die eigentlich einen ziemlich festen Ablauf hat und der wird jetzt ordentlich aufgewirbelt. Erst wird sie sozusagen von der dreibeinigen Hundedame adoptiert, dann wird diese vom Hundefänger gefangen genommen und schließlich landet auch ihr nicht ganz so heimlicher Verehrer im Gefängnis, wegen Bestechungsversuchen für die Befreiung des Hundes. Und das ist doch schon ein Abenteuer für sich, oder? Skurril wurde der Titel schließlich auf alle Fälle, denn die Umwege von Galina Petrowna und der exzentrischen Soja nach Moskau landen schließlich sogar in einem etwas besonderen Club. Manchmal wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll, das Buch war jedoch auf alle Fälle ein Lesegenuss.
Galina Petrowna muss man mit ihrer pragmatischen Lebenseinstellung einfach ins Herz schließen, das passierte schon auf den ersten Seiten. Sie ist einfach wunderbar. Ich mag sie sehr gerne und umso lieber habe ich ihre Geschichte gelesen.
Die Charaktere waren von exzentrisch über skurril bis hin zu einfach nur amüsant und durchweg liebenswert. Außerdem haben sie sich wirklich entwickelt, denn hinter dem einfach beginnenden Kampf um Boroda entwickelt sich eine doch noch richtig tiefgehende Geschichte mit einigen überraschenden Wendungen. Gerade am Ende ist es ein kleines Feuerwerk an Überraschungen. Da habe ich richtig schnell geblättert, weil ich einfach wissen wollte, wie das Buch endet!





Galina Petrowna erlebt eine wirklich skurrile Geschichte auf der Suche nach Rettung für Boroda und ich fand sie wundervoll. Da hat Andrea Bennett ein wirklich außergewöhnliches Debüt geschrieben und ich hoffe auf weitere so originelle und vielfältige Geschichten von ihr!



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

[Rezension] Romeo & Romy – Andreas Izquierdo


Titel: Romeo & Romy
Autor: Andreas Izquierdo
Verlag: Insel
Erschienen: April 2016
ISBN: 978-3-458-36141-1
Preis: 14,99€
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Andreas Izquierdo, geboren 1968, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte u. a. den Roman König von Albanien (2007), der mit dem Sir-Walter-Scott-Preis für den besten historischen Roman des Jahres ausgezeichnet wurde, sowie den Roman Apocalypsia
(2010), der den Lovelybooks-Leserpreis in Silber für das beste Buch
2010 erhielt und zum Buch des Jahres bei Vorab-lesen.de gewählt wurde.
Zuletzt erschienen von ihm die Bestseller Das Glücksbüro (2013) und Der Club der Traumtänzer (2014).




Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur die Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als »Frischedoktor« in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr.
Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es – wie jeder weiß – nur Idioten.
Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammeligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo und Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der »Frischedoktor« soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt …

Es würde Tote geben, so viel stand fest.



Romeo und Romy. Romy und die Alten. Die Alten und das Theater. Das Theater und Ben. Ben und Romy. Mal die Kurzzusammenfassung dieses wunderbaren Buches.
Ich bin ganz verzaubert von Romy und ihren Alten. Es fängt ja für sie eher schlecht an: Großmutter tot (da waren nur noch drei Friedhofsplätze frei!), Job weg und die Zukunftsaussichten sind eher trüb. Doch Romy träumt vom klassischen Theater und da kommt ihr die verfallene Scheune auf dem Grundstück ganz recht. Ein Theater soll entstehen, wie zu Shakespeare’s Zeiten!
Ich weiß nicht recht, wann ich mich in das Buch verliebt habe. War es erst, als die Alten zuerst um die letzten zwei Friedhofsplätze gestritten haben? Als Ben immer wieder bei Romy anruft? War es vielleicht der himmelblaue und fahrende Supermarkt? Ich kann es euch nicht sagen. Vermutlich hat es mit dem ersten Satz begonnen. Und mit dem letzten dann aber nicht aufgehört.
Die Figuren lassen dieses Buch leben, insbesondere die sturen alten Damen und Herrschaften. Dabei ist es ja letztlich doch ein ernstes Thema, das da im Hintergrund steht. Andreas Izquierdo hat es auf eine anrührende Art und Weise, das Thema Landflucht und die Einsamkeit der verbliebenen alten Menschen in ein bezauberndes Buch zu fassen. Insbesondere, wenn die Figuren in diesem Buch mit dem Bau des Theaters aufleben, ist mir das Herz aufgegangen. Was mich besonders bewegt hat, waren jedoch die traurigen Momente, denn es sind alte Menschen, da spielt die Gesundheit nicht mit. Das alles war immer so undramatisch, dass es nur noch mehr ans Herz ging. Meine Gefühle haben sich irgendwann zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt hin und her bewegt, der Autor hat mich mit seiner Geschichte einfach berührt.
Romy ist die mit Abstand jüngste Person in diesem Roman. Doch manchmal ist sie erwachsener und entschiedener als die gesamte Dorfgemeinschaft. Neben ihrer unsicheren Zukunft muss Romy zugleich übrigens auch noch mit unerwünschter Vergangenheit kämpfen, als ihr Vater auftaucht. Der Vater, den sie nie kennen gelernt hatte. Und die Gegenwartsprobleme kommen dann auch noch in Form von Ben auf sie zu. Dennoch beißt sie sich durch und ist eine überraschende Kämpfernatur, noch dazu eine sehr sympathische. Ich muss nur gestehen, dass die Trauer um ihre Großmutter doch etwas mau ausfiel, das ist tatsächlich aber auch der einzige Kritikpunkt am gesamten Buch.
Der Ben… der ist eine Nummer für sich. Er taucht zwar erst recht spät in seiner tragenden Rolle als Regisseur auf, bringt sich zwischendurch aber immer wieder mit denkwürdigen Telefonanrufen in Erinnerung. Bei ihm kann ich mich nicht zwischen herzensgut und auch echt dämlich entscheiden. Er ist aber ein Charakter, den man irgendwie in sein Herz schließt. Auch wenn man sich zwischendurch fragt, warum eigentlich. Ben hat Charme.
Genau wie die Geschichte! In letzter Zeit entwickel ich sowieso ein Faible für Bücher, in denen auch ältere Menschen eine Rolle spielen oder eben sogar die Hauptrolle. Da passte Romeo und Romy definitiv in mein Beuteschema. Und was soll ich sagen, ich fand es einfach nur fantastisch. Wie das Theater sein Eigenleben entwickelt und sich die Gemeinschaft festigt, es doch aber auch Momente gibt, in denen alles zu scheitern scheint. Eine Gefühlspalette von bis!

http://gochimiko.de/2014/02/13/rezension-das-glucksburo-andreas/



Ich bin und bleibe verliebt in dieses Buch. In den Stil des Autors. In die Charaktere. In einfach alles hier.
Charmante Figuren, Gefühlsregungen von ich heule gleich los bis zu ich kann nicht mehr, das ist zu komisch. Autor Andreas Izquierdo ist und bleibt ein fantastischer Autor, dessen Bücher ich einfach nur empfehlen kann!



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt

[Rezension] Die Ungehörigkeit des Glücks – Jenny Downham


Titel: Die Ungehörigkeit des Glücks
Autor: Jenny Downham
Original: Original
Aus dem Englischen: Astrid Arz
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: Februar 2016
ISBN: 978-3-570-10292-3
Preis: 19,99€
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Jenny Downham war Schauspielerin, bevor sie mit ihrem ersten Roman Bevor ich sterbe einen Weltbestseller schrieb. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in London.




Das Leben der 17-jährigen Katie nimmt eine dramatische Wendung, als ein Anruf ankündigt, dass ihre Großmutter Mary bei ihr zu Hause einziehen wird. Ihre Mutter Caroline hat dem widerwillig zugestimmt, denn sie hatte seit vielen Jahren keinen Kontakt zu Mary und ist nicht gut auf sie zu sprechen. Katie muss mit der ihr fremden Großmutter das Zimmer teilen. Und sie fängt an, sich für Marys Geschichte zu interessieren. Katie will dem Familiengeheimnis auf die Spur kommen. Das ist nicht einfach, weil Mary an Alzheimer leidet. Doch Katie erkennt verblüffende Ähnlichkeiten zwischen sich und Mary: beide haben eine ungehörige Vorstellung vom Glück …

Als ob ein Alien gelandet wäre.



In Jenny Downhams Roman wird ein Thema behandelt, das wohl immer aktuell sein wird, Alzheimer. Das Ganze verpackt sie in ein kleines Familiendrama und zeigt so anschaulich, wie einem Menschen immer mehr Erinnerungen entgleiten und wie doch das Wichtige verborgen zurück bleibt.
Katie ist 17 Jahre alt und sollte sich eigentlich auf die Schule und den Abschluss konzentrieren, als ihre Großmutter Mary in ihr Leben schneit. Verwirrt, vergesslich, allein und vor allen Dingen von Katies Mutter Caroline, also ihrer eigenen Tochter, gehasst. Stück für Stück lernt Katie ihre Großmutter nun kennen, während diese sich dabei immer verliert. Und dennoch lernt Katie auch ihre Mutter Caroline dabei von einer neuen Seite kennen.

Die Geschichte ist eine wirklich schöne Story, die einen durchaus bewegen kann und vor allen Dingen auch mit offeneren Augen durchs Leben gehen lässt. Wer weiß schon, welche Geschichte unsere Großeltern und Eltern noch vor uns verbergen und welche Geschichte den Blick auf sie komplett verändern könnten. Inhaltlich fand ich dieses Buch wirklich wundervoll und es ist absolut empfehlenswert. Doch, vielleicht habe ich da auch zu viel erwartet, es hat mich nicht so bewegt und berührt wie gedacht. Der Funke zwischen Mary, Katie, Caroline und mir sprang einfach nicht über. Es war nicht so, dass ich es unbedingt lesen musste, sondern eher, dass ich es zwar gerne gelesen habe, aber eben doch nicht begeistert.
Das liegt jedoch nicht an den Charakteren: Katie ist ein junges Mädchen, das neben seiner Großmutter im Laufe des Buches auch sich selbst findet. Manchmal wirkt sie vielleicht etwas gestelzt, aber das liegt vermutlich auch an Caroline. Von allen Charakteren fand ich sie am Schwierigsten. Ihre Abneigung gegenüber Mary wirkte zum Teil sehr gestellt und konstruiert. In weitestem Sinne ist es verständlich, aber letztlich war ich von ihrer Anti-Einstellung und Verdrängung teilweise einfach nur noch genervt. Das hat nicht zum Lesevergnügen beigetragen und eben auch nicht diesen Funken entfacht. Mary hingegen war sehr liebenswürdig. Ihr Verhalten konnte ich deutlich besser nachvollziehen. Besonders spannend waren einfach die Abschnitte, in denen sie sich erinnert und eben doch nicht erinnert hat. Es war faszinierend zu verfolgen, wie sie Stück für Stück die Erinnerungen verliert. Das war wohl der Teil am Buch, der mich am meisten beeindruckt hat.
Nur letzten Endes war es zu viel: Carolines Anti-Momente, Katies Extra-Probleme, Marys Gedächtnisverlust und dann noch der kleine, unnötige Bruder von Katie, dessen Name mir tatsächlich schon wieder entfallen ist. Das waren so viele Stränge, dabei hätte sich alles um Mary drehen können, das wäre mir Story genug gewesen. Und auch schon Drama genug gewesen.
Wenn ich so darüber nachdenke, war auch schon der Einstieg nicht ganz mein Fall, da hatte ich von Beginn an das Gefühl, nicht richtig in der Geschichte angekommen zu sein. Leider hat sich dieses Gefühl bis zum Ende nicht gelegt. Bei so einer emotionalen Geschichte ist das natürlich sehr schade, denn hier muss man mitgerissen werden.

Stilistisch gibt es nichts zu beklagen. Es ist natürlich nicht die hohe Literatur, aber das erwartet man bei so einer Geschichte auch nicht, oder?





Der Funke sprang nicht über, obwohl die Geschichte eigentlich vollkommen meinem Geschmack entspricht. Und gerade Mary war ein absolut liebenswerter Charakter. Schade, denn das Potential war da.



Quellen
Cover; Autorenvita; Inhalt